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Grüner Eindringling auf dem Vormarsch

Unkrauttagung erstmals in Braunschweig: Biologen suchen nach Wegen, die Beifuß-Ambrosie wieder loszuwerden.

Von Marion Korth, 18.03.2012.

Braunschweig. Dr. Uwe Starfinger kennt sich aus mit unerwünschten Eindringlingen. Der Invasionsbiologe arbeitet am Julius-Kühn-Institut. Bei der 25. Unkrauttagung ist die Bekämpfung der Beifuß-Ambrosie sein Thema.

Eigentlich gibt es keine Pflanze, auch kein „Unkraut“, zu dem selbst einem Menschen nicht noch ein netter Aspekt einfallen könnte, aber es gibt Ausnahmen. „Also über Ambrosia lässt sich wenig Schönes berichten“, sagt Starfinger. Nicht einmal ihre Bedeutung in der indianischen Naturmedizin ist wirklich nennenswert. Aus Nordamerika kommt nämlich der Eindringling, ein blinder Passagier, der in Säcken mit Getreide und Kleesaat schon 1860 nach Europa eingeschleppt wurde. Der Klimawandel kommt dem Kraut gerade recht. „Es ist ein neues Phänomen, dass sie auch hier bei uns größere Bestände bildet“, sagt der Biologe. Ein milder Herbst, wie der vergangene, hat der spät blühenden Pflanze genug Zeit gegeben, Samen auszubilden. Gute Bedingungen für eine weitere Ausbreitung.
Für ihn und seine Kollegen ist völlig klar, dass das Problem an der Wurzel gepackt und mit ihr herausgerissen werden muss. Der Pollen der Pflanze löst bereits in geringsten Mengen in der Luft allergische Reaktionen bis hin zu Asthma aus, selbst bei Menschen, die bislang keinen Heuschnupfen kannten. Allein in Österreich machen die durch Ambrosia verursachten Gesundheitskosten 88 Millionen Euro jährlich aus. Die Verluste im Ackerbau durch die hartnäckige Pflanze werden in Ungarn mit 120 Millionen Euro beziffert. Deshalb müsse die Verbreitung gestoppt werden, damit nicht bald auch in Süddeutschland ähnliche Schäden entstehen, sagt Starfinger.
Für Ambrosia sind die Grenzen noch nicht so dicht, wie die Experten es sich wünschen. In anderen Bereichen sind Kontrollen und weiteres Vorgehen streng geregelt. Starfinger drückt es salopp aus: „Der asiatische Laubholzkäfer wird überall in Europa totgehauen.“ Im Bereich der Pflanzen bestehen noch Lücken. Immerhin gebe es mittlerweile eine EU-Verordnung, die die Verunreinigung von Vogelfutter begrenzt. Mit den Sonnenblumenkernen gelangten die unerwünschten Samen ins Futterhäuschen. „Die kleineren Bestände unterm Küchenfenster müssten jetzt aber zurückgehen“, vermutet der Biologe. Wie es insgesamt mit der Ambrosia-Verbreitung aussieht, lasse sich schwer sagen, eine lückenlose Erfassung fehlt und kein Institut, keine Behörde könne ganz Deutschland im Blick haben. „Wir sind auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen“, sagt Starfinger. Das Julius-Kühn-Institut hat eine Broschüre herausgegeben, um es Laien einfacher zu machen, die eher unscheinbare Pflanze zu erkennen. In Berlin und Brandenburg werden die modernen Medien im Kampf gegen Ambrosia eingesetzt. „Da gibt es ein Smartphone-App zum Herunterladen, eine geniale Idee, finde ich.“ Das hilft mit Fragen bei der Bestimmung („Ist der Stängel behaart?“), danach kann der Ambrosia-Entdecker gleich noch ein Foto machen und mitsamt den Koordinaten der Fundstelle an die zuständige Behörde schicken. Derzeit werde überlegt, das App deutschlandweit zum Herunterladen freizuschalten.
Mehr als 100 Experten befassen sich in Europa mit der Beifuß-Ambrosie. Seit einem Jahr läuft ein internationales Forschungsprojekt, um Handlungsempfehlungen für verschieden stark betroffene Länder zu entwickeln. In Ungarn und Slowenien ist die Pflanze ein echter Plagegeist, in Österreich beginnt die Ausbreitung, Dänemark will sich für den vom Klimawandel begünstigten Vormarsch des Eindringlings wappnen.
Ansonsten könnte man sich wünschen, das Gras über die gesamte Sache wächst. Die Ambrosie aus den Prärien Nordamerikas mag keine Konkurrenz, sie kann nur wachsen, wo die Grasnarbe zerstört, der Boden offen ist.

Unkrauttagung:
Vom 13. bis 15. März haben sich erstmals in Braunschweig mehr als 250 deutsche Herbologen, das sind die Experten auf dem Gebiet der Bei-, Wild- oder Unkräuter, in Braunschweig zu ihrer nationalen Fachtagung getroffen. Die „Deutsche Arbeitsbesprechung über Fragen der Unkrautbiologie und –bekämpfung“ fand bisher im zweijährigen Turnus immer in Hohenheim statt. Für das 25. Treffen hatte nun der Wissenschaftsstandort Braunschweig den Zuschlag erhalten. Die wegen des sperrigen Titels kurz „Unkrauttagung“ genannte Veranstaltung wurde vom Julius-Kühn-Institut (JKI) und der TU Braunschweig sowie der Deutschen Phytomedizinischen Gesellschaft (DPG) organisiert.
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