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Ein Echtzeit-Experiment, das keinen Fehler erlaubt

Von Marion Korth, 11.03.2012.

Braunschweig. Der Windmühlenwald in Dithmarschen, Solaranlagen in Bayern, Hochspannungsstromleitungen in China, das Wetter in Deutschland: Dr. Michael Weinhold, bei Siemens Chef-Technologe für den Energiebereich, hat nichts ausgelassen. Im Wahnsinnstempo einmal um den Globus. Sein Thema: „Saubere Energie für die Welt“.

Für Weinhold ist klar: „Wir erleben gerade eine sehr spannende Zeit. Das ist das neue Stromzeitalter!“ Elektrizität gibt es schon lange, aber noch nie zuvor gab es eine so enge Verzahnung von Elektro- und Kommunikationstechnik. Es geht um die intelligente, sprich flexible Energieerzeugung und intelligente Netze, die auf die naturgegebenen Schwankungen der Wind- und Solarenergie eine passende Antwort haben. Weinhold macht Werbung in eigener Sache: „Siemens ist da sehr gut aufgestellt.“
Dieser Sommer bringt die erste Bewährungsprobe. Nie zuvor waren so viele Photovoltaikanlagen am Netz, nie zuvor haben sich so viele Windräder gedreht. Ihre Zahl habe alle Prognosen übertroffen. Bei günstigen Bedingungen werden sie 40 Gigawatt liefern. „Das ist viel, wenn man bedenkt, dass die Stromlast in Deutschland zwischen 35 und 80 Gigawatt liegt“, erläutert Weinhold. Die Spitzenlast werde an einem nebligen und kalten Januartag erreicht, im Sommer halbiert sich der Wert. Zum ersten Mal werden die im Tagesverlauf schwankenden regenerativen Energien das Geschehen bestimmen. Denn bei Nacht läuft nichts, auch nicht bei Flaute. „Deshalb brauchen wir die konventionellen Kraftwerke, die dann zuverlässig Strom liefern und das Netz stabilisieren“, sagt Weinhold. Bei „konventionell“ denkt er vor allem an moderne Gaskraftwerke.
Der beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie, die Energiewende, „das ist eine Chance, ja!“. Und ein Risiko: „Der Versuch ist scharfgeschaltet. Im Labor dürfen wir uns einen Fehler erlauben, hier nicht.“ Einen Stromausfall kann sich Deutschland nicht leisten, und alles hängt davon ab, ob die Stromversorgung auch in Zukunft modern, verlässlich und vor allem bezahlbar bleibt.
Die Herausforderung ist, vier Puzzlesteine passend zusammenzulegen: Netzausbau („Da hakt es noch.“), flexible konventionelle Anlagen, neue Speichermöglichkeiten („Da wird sehr viel geforscht.“) und eine intelligente Abstimmung aller Systeme. „Technologisch ist das machbar“, sagt Weinhold. „Aber wir brauchen einen Masterplan, der die Vernetzung der Infrastruktur widerspiegelt.“
Hinsichtlich CO2-Ausstoß und Klimaschutz sei nicht ausschlaggebend, was in Deutschland gerade passiert, „aber es hat eine massive Signalwirkung“. Bei seinen Auslandsreisen merkt Weinhold, dass die Welt nach Deutschland blickt. „Wenn es uns gelingt, die Energiewende bezahlbar hinzukriegen, dann wird das ein Innovationsfeuerwerk auslösen“, ist er überzeugt. Er denkt an moderne Solar- und Antriebstechnik, an den Maschinenbau, an neue Baustoffe. Durch elektrische Antriebe und eine viel bessere Isolierung unserer Häuser ließen sich noch enorme Effizienzsteigerungen herausholen. Vor diesem Hintergrund machen die von der Regierung beabsichtigten massiven Einschnitte in der Solarförderung und die stärkere Unterstützung für die energetische Sanierung sogar Sinn.
Um das Stromnetz, so wie es heute ist, stabil zu halten, geht es nicht mehr darum, so viel Strom wie möglich aus Solarkraft zu gewinnen. Es geht auch darum, wann dieser Strom eingespeist wird. „Es wird ja nicht nur die Einspeisungsvergütung zurückgefahren, sondern bei Kleinanlagen werden nur noch 85 Prozent der im Kalenderjahr erzeugten Strommenge förderfähig sein; bei allen anderen Anlagen 90 Prozent. Dann wird es interessanter, den Eigenverbrauch von selbst erzeugtem Strom zu erhöhen. Dadurch wird auch der Bau von Ost-West ausgerichteten Photovoltaik-Anlagen angereizt, weil diese in den Morgen- und Abendstunden mehr Strom als nach Süden ausgerichtete PV-Anlagen liefern. Also dann, wenn viele Menschen zu Hause sind und ihre elektrischen Geräte einschalten. Auch damit wird die PV-Einspeisung besser mit dem Eigenverbrauch korrelieren“, erläutert er. Das sei gewollt.
Der neuerliche Einschnitt werde den Preisdruck auf die deutschen Hersteller dennoch enorm erhöhen. Und die Chinesen hätten bereits angekündigt, dass sie noch billiger liefern können. Weinhold: „Da herrscht ein unglaublich brutaler globaler Wettbewerb.“ Aber er bleibt dabei: „Wenn wir die Herausforderung annehmen und das packen, dann ist das eine Chance für Deutschland.“ Nach einer Stunde hält Weinhold inne. Die Frage, ob er Spaß an seinem Beruf hat, erübrigt sich. Der Mann ist begeistert von dem, was er tut. Deshalb kann es jetzt auch gleich weitergehen: Der Experte für Energiesysteme spricht vor den 80 Gästen des Siemens Wirtschaftsforums über „Saubere Energie für die Welt“.
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