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Auf der Jagd nach den kleinsten Partikeln

Professorin Dr. Carmen Genning arbeitet gemeinsam mit der Volkswagen-Versorgungstechnik an neuen Messmethoden für saubere Luft.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 05.09.10

Braunschweig. Übernachten im Dachzelt auf dem Landrover, irgendwo in den Alpen, mit Bus und Bahn durch Rajasthan oder mit analytischem Verstand Schadstoffkonzentrationen ermitteln und bewerten – Carmen Genning lebt ihr Leben genau so, wie es ihr wichtig ist: „Frei sein in meinen Handlungen.“

Das bedeutet nicht, dass die Professorin für Immissionsschutz und Umweltüberwachung tun und lassen kann, was sie will, aber als Lehrende an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Ostfalia und als Leiterin des Instituts für Verfahrensoptimierung und Entsorgungstechnik kann sie ihre Zeit relativ frei einteilen.
Diese Freiheitsliebe und das naturwissenschaftliche Talent haben ihren Lebensweg bestimmt. „Schon in der fünften Klasse habe ich als Leistungskurse Mathe und Chemie gewählt“, erzählt die 46-Jährige, „das hat mich fasziniert und fiel mir leicht.“ Sprachen dagegen habe sie sich erarbeiten müssen.
Mit dem Chemiestudium in Hannover ist sie ihrer Neigung gefolgt, noch ohne klare Berufsvorstellungen. „Ich habe Chemie gewählt, weil ich es wollte“, erzählt sie von ihrer Entscheidung und dem Vertrauen in sich und die Zukunft.
Schon früh habe sie die Faszination von Forschung und Lehre verspürt, „eine Laufbahn in einem Entwicklungslabor kam für mich nicht in Frage.“
Eine junge Professorin
Auch die erste Anstellung nach dem Studium im Umweltamt Hannover sei zwar durchaus reizvoll gewesen, „aber ich spürte schnell, dass ich auf Dauer nicht ganz glücklich mit dem Behördenleben werde.“ Zu viel Reglementierung, zu viele Vorschriften für die Frau mit dem ausgeprägten Freiheitsdrang.
Mit 31 Jahren bereits war sie Professorin. „Und dann hat einfach alles wunderbar geklappt.“ Sie las die Ausschreibung an der damaligen FH Braunschweig/Wolfenbüttel und dachte gleich: „Das passt.“ Und so war es auch. Die Lehre mit den Studenten macht ihr viel Spaß, parallel hat sie als Institutsleiterin ständigen Kontakt mit der Welt der Forschung. „Wir müssen schwarze Zahlen schreiben“, erzählt sie von den Aufgaben einer leitenden Geschäftsführerin. In Konkurrenz zu anderen Unternehmen bietet sie mit ihren Mitarbeitern ihre Dienste an.
Einmalig ist die Zusammenarbeit mit dem Volkswagenkonzern. „Unsere Studenten arbeiten parallel zum Studium in der Versorgungstechnik bei VW“, erklärt Genning. Eine Win-Win-Situation, da Volkswagen potenzielle Mitarbeiter bereits im Studium kennenlernt, und die Studenten für ihre Arbeit schon Geld bekommen.
„Gemeinsam erforschen wir Möglichkeiten der Partikelmessung“, erklärt Genning das Projekt. Der Gesetzgeber habe Grenzwerte – zunächst für Dieselfahrzeuge – festgelegt, aber es gebe noch gar kein standardisiertes Messverfahren, einige zählen die Partikel, andere wiegen. „Das bedeutet, jeder misst anders, und jeder kommt auch zu anderen Ergebnissen.“ Hier arbeiten in einer Allianz die Hochschule Ostfalia, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt und die VW-Forschung an einem Ziel. Auch für die Feinstaubmessung in Städten könnte so eine standardisierte Messtechnik interessant sein.
Forschung für die Natur
„Wir sind ein staatlich anerkanntes Prüflabor“, sagt Genning, „unsere Dienste kann man kaufen.“ Da werden Altlasten in Böden untersucht, Heizwertbestimmungen für Energieversorger erstellt oder Verfahren entwickelt, um Schwermetalle aus den Okerauen zu filtern.
„Hier wachsen unsere Forschungpflanzen“, sagt die Professorin und zeigt auf ein Beet mit vielen kleinen Blumentöpfen. „Dass bestimmte Pflanzen Schadstoffe aus der Erde ziehen, ist bekannt“, sagt Genning, „aber wie werden die belasteten Pflanzen anschließend sinnvoll entsorgt?“, formuliert sie die Forschungsfrage.
Dieses Suchen nach Lösungen, mit denen sinnvoll die Umwelt verbessert und entlastet werden kann, das spornt sie an, das weckt ihren Forschungsdrang, da kann sie ihre Studenten und Masteranwärter mit ihrer Begeisterung anstecken.
Auch privat geht sie gern neue Wege. Gemeinsam mit ihrem Mann, den sie im Studium kennengelernt hat, liebt sie die nicht vorgeplanten Reisen. „Ich bin kein Wellness- oder Kreuzfahrttyp“, erzählt sie. Lieber mit dem Zelt durch die Alpen oder eben mit dem Bus durch Indien, auf jeden Fall weitab bekannter Tourismuspfade. „Ich genieße es, in unserem Vorzelt Essen zu kochen“, spricht sie von den einfachen Dingen des Lebens. Ausgesprochen „familienfreundlich“ sei ihr Beruf, eigene Kinder aber hat sie nicht. „Wir haben uns anders entschieden.“ Vielleicht war die Freiheitsliebe ja größer als der Wunsch nach Familie.
Auf jeden Fall aber könne sie die Naturwissenschaften im Allgemeinen und ihre Fachrichtung Umwelttechnik und Immissionschutz im Besonderen jungen Frauen empfehlen. Auch, um die Männerdomäne Naturwissenschaften weiter zu erobern. Die Zahl der weiblichen Studenten nehme stetig zu. „Es ist ein wachsender Markt mit guten Zukunftsperspektiven“, sagt Genning, zu deren Aufgaben auch die Weiterbildung für Desinfektoren, für Arbeitssicherheit und Strahlenschutz zählt.
„Ein weites Feld“, schwärmt sie von ihrer Fachrichtung, „es gibt sinnvolle Aufgaben und immer neue Herausforderungen.“
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