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„Aids und Arbeit ist ein aktuelles Thema“

Die Aids-Hilfe in Braunschweig feiert ihr 25-jähriges Bestehen mit einem großen Veranstaltungsprogramm.

Von Jens Radulovic, 08.09.10

Braunschweig. Seit 25 Jahren steht die Braunschweiger Aids-Hilfe beim Thema HIV/Aids Hilfe- und Ratsuchenden zur Seite. Unter dem Motto „Wir feiern das Leben“ begeht sie ihr Jubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Das Robert Koch-Institut schätzt, dass 2009 in Niedersachsen rund 4000 Menschen mit HIV/Aids lebten, darunter etwa 190 Neuinfizierte. 25 Menschen seien im letzten Jahr an der Krankheit gestorben. Die nB sprach mit Jürgen Hoffmann, Geschäftsführer der Braunschweiger Aids-Hilfe, über die aktuelle Situation.

?Die Aids-Hilfe gibt es seit 25 Jahren. Was hat sich in dieser Zeit für die Betroffenen verändert, was ist gleichgeblieben?

!Vor 25 Jahren war HIV positiv getestet zu werden der absolute Schock – und das ist es heute auch noch. Aber damals gab es keine Medikamente. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug vom Ausbruch der Krankheit an 1,5 Jahre. Heute ist die Diagnose „HIV positiv“ für die nahe und mittlere Zukunft kein Todesurteil mehr. Die Menschen werden nach wie vor ausgegrenzt, aber heute gibt es Selbsthilfegruppen, in denen sie sich austauschen können. Das war 1985 noch kaum möglich, damals trauten sich viele Betroffene nicht zur Aids-Hilfe, aus Angst, dort gesehen zu werden.

?Welche medizinischen Fortschritte hat es in dieser Zeit gegeben?

!Einen großen Sprung gab es Mitte der 90er Jahre mit der Kombinationstherapie. Seitdem gab es kontinuierlich Verbesserungen, zum Beispiel gibt es mehr Medikamente, die man nehmen kann, wenn andere nicht mehr wirken.

?Seit 2002 steigt die Zahl der positiven Aids-Tests in Deutschland wieder an. Woher kommt das?

! Zum einen lassen sich mehr Menschen, die ein Risiko eingegangen sind, testen. Dadurch sinkt die Dunkelziffer. Zum anderen hat die bessere Therapierbarkeit bei einigen auch dazu geführt, den Schutz nicht mehr ernst genug zu nehmen.

?Wird in Deutschland zu wenig für die Aufklärung getan?


! Nein. Die Aktion „Gib Aids keine Chance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist die erfolgreichste Kampagne weltweit. Der Kondomgebrauch bei Jugendlichen ist auf einem hohen Niveau, die HIV-Rate ist halb so hoch wie in den westlichen Nachbarländern. Auf diesen Erfolgen dürfen wir uns aber nicht ausruhen, denn Aids ist ein Thema, das man allzu gerne verdrängt.

?Wie arbeitet die Aids-Hilfe?

!Bei der Prävention in der allgemeinen Öffentlichkeit konzentrieren wir uns auf Jugendliche. Wir bieten an Schulen Veranstaltungen mit Betroffenen an, die von ihrem Leben mit der Krankheit erzählen. Das spricht die Jugendlichen emotional an und bleibt besser im Gedächtnis als einfache Informationsveranstaltungen. Außerdem begleiten und beraten wir Betroffene und deren Angehörige. Und wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe, das heißt, wir haben beispielsweise einen offenen Café-Bereich.

?Wo wird in Zukunft ein Arbeitsschwerpunkt liegen?

!“Aids und Arbeit“ ist ein aktuelles Thema, denn da man heute mit der Infektion leben kann, suchen viele auch Arbeit. Wir wünschen uns eine bessere Vermittlung durch die Arbeitsämter. Und wir wollen die immer noch vorhandene Diskriminierung am Arbeitsplatz abbauen.“

?Die Aids-Hilfe hat das Urteil gegen die Sängerin der No-Angels, Nadja Benaissa, die die eigene HIV-Erkrankung verschwiegen und einen Sexualpartner mit HIV infiziert hatte, kritisiert. Warum?


!Wir haben das Gefühl, dass die Verantwortung allein auf denjenigen abgewälzt wird, der weiß, dass er infiziert ist. Zum einen könnte das zu einem trügerischen Gefühl der Sicherheit führen. Das Wissen, dass der Partner eine Erkrankung offenlegen muss, könnte zu dem falschen Schluss führen, dass jeder, der nichts sagt, auch nicht infiziert ist. Zum anderen könnte es sein, dass weniger Menschen sich testen lassen, weil sich aus einem positiven Testergebnis die Verpflichtung ergäbe, die Sexualpartner zu informieren.

?Sollte denn das wissentliche Verschweigen der eigenen Erkrankung bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr straffrei sein?

!Das will ich nicht beantworten. Ich bin kein Jurist, ich sehe das aus praktischer Sicht.
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