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200 000 tote Japaner begleiten uns beim Spaziergang entlang der Oker . . .

Unsinniges Straßenschild am Okerweg

Der braunschweiger Amtsschimmel wiehert ganz herzlich, denn er hat für
den Schilderwald eine besondere Neuigkeit!

Von der AOK kommend, wollte ich meinen Spaziergang vom neu gestalteten
Brückenbereich entlang der Oker bis zum Theater fortsetzen. Im Ohrhörer mei-
nes MP3-Spielers erklang einschmeicheld die romantische Musik aus Cats, das
berühmte MEMORY. Schon hatte ich den Anfangsbereich des an der Oker ent-
lang führenden Weges erreicht, als mich ein offenbar neu aufgestelltes Hin-
weisschild unverzüglich aus den MEMORY-Träumen in die unromantische Rea-
tät der Geschichte vertrieb. Ich sollte unter Verzicht auf die erwartete Oker-
romantik an Hiroshima mit den vielen Kriegstoten erinnert werden!
Ich schaltete den MP3-Player ab und suchte eine Bank auf in unmittelbarer Nähe
zur träge dahinfließenden Oker. Unmißverständlich angeregt durch die Aussage
des überflüssigen neuen Straßenschildes erlebte ich zwangsweise wieder
Kriegstatsachen, die ich als Jugendlicher Gott sei Dank überlebt habe:

Im Rahmen der Kinderlandverschickung lernte ich Saalsdorf bei Helmstedt ken-
nen. Als meine Freunde und ich dort in einer Sandgrube spielten, näherte sich
im Tiefflug ein Flugzeug, dessen Besatzung auf uns mit MG schoß. Als kein
Blut floß, stellten wir fest, daß wir noch lebten.
Bevor Braunschweig wieder einmal eine Bombennacht vor sich hatte, liefen
wir wie viele andere auch zum Bunker am Hagenmarkt. Als bereits die ersten
Luftkampfhandlungen einsetzten, wir noch nicht durch die enge Eingangstür
im Bunker waren, entstand ein lebensgefährliches Gedränge, so wie wir es
unlängst bei einer Großveranstaltung mit Toten erlebten. Damals fürchtete ich,
daß mir die in den Bunker drängenden Menschen den Körper zerquetschen
würden . . .
Fliegerwarnungen konnte man damals über Drahtfunk abhören; einmal war es
bereits zu spät, den Bunker noch rechtzeitig zu erreichen. Also saßen wir mit der
gesamten Hausgemeischaft im sogenannten Luftschutzkeller und harrten der
Dinge bis plötzlich in unmittelbarer Nähe unseres Hauses Bomben fielen. Eine
sehr mutige Frau - die Männer waren ja alle an der Front - verließ den Luftschutz-
keller und fand in einer der Wohnungen eine Stabbrandbombe, deren Phos-
phorladung noch nicht gezündet hatte. Äußerst mutig schnappte die resolute
Frau die Bombe, die das Hausdach und die Wohnungsdecke durchschlagen hat-
te, und warf sie aus dem Fenster auf die Straße. Das rettete damals unser
Haus.
Als es in Braunschweig nichts mehr zu zerstören gab, glaubten wir, den Krieg
lebend überstanden zu haben. Aus der Ferne beobachtete ich immer wieder
den über Braunschweig hell erleuchteten Himmel. Suchscheinwerfer, die von
als Flakhelferin ausgebildeten Müttern bedient wurden, suchten den Himmel
nach feindlichen Flugzeugen ab. Wenn heute bei Großveranstaltungen eine
Vielzahl dieser Scheinwerfer zur Steigerung der modernen Bühnengestaltung
eingesetzt werden, komme ich leider auf Grund meiner Kriegserlebnisse nicht
in die gewünschte Stimmung, da mich die Kriegserlebnisse wieder einholen.
So ging es mir beim Lesen des neuen Straßenschildes mit dem Hinweis
" Hiroshimaufer"!!!
Mit Hiroshima hat das Ufer der Oker nun wirklich nichts zu tun!
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1 Kommentar
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Horst Schmid aus Braunschweig - Innenstadt | 05.08.2015 | 14:48  
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