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Zwischen Stolz und Sorge

Zehnjähriges Jubiläum: 2006 erhielt die jüdische Gemeinde neue Räume (hier die neue Synagoge) im Innenhof des Hauses in der Steinstraße 4. Sie waren nötig geworden, als Anfang der 90er Jahre die Mitgliederzahl nach oben schoss. Fotos: Ammerpohl
 
Das Haus der Gemeinde in der Steinstraße 4. Die Klingel der Gemeinde ist unauffällig, es gibt eine Kameraüberwachung – zur Sicherheit.

In diesem Jahr feiert die jüdische Gemeinde den Neubau ihrer Synagoge – Ein Porträt.

Von Birgit Leute, 20.05.2016.

Braunschweig. Rasselnd dreht Renate Wagner-Redding den Schlüssel im Schloss. „Das war unser Synagoge vor dem Umbau“, zeigt sie in einen schlichten kleinen Raum. Bis vor zehn Jahren wurde hier gebetet, hier traf sich die jüdische Gemeinde in Braunschweig zu Gesprächen. Doch dann wurde die Gruppe Anfang der 90er Jahre buchstäblich von Neuzugängen überrollt und alles war zu klein – nicht die einzige Herausforderung in den vergangenen Jahren.

Im Alleingang

Seit 1993 ist Wagner-Redding Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. An die Zeiten des Umbruchs kann sie sich gut erinnern. „Vor rund 25 Jahren waren wir 80 Mitglieder, heute sind wir 200“, sagt sie über einen Zuwachs von dem christliche Kirchen nur träumen können und der vor allem mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammenhängt. „Mit der Auflösung der Sowjetunion strömten viele jüdische Kontingent-Flüchtlinge aus den GUS-Staaten, also aus Russland, der Ukraine, Weißrussland und so weiter nach Deutschland und später auch nach Braunschweig.“

Das Problem: Die wenigsten sprachen Deutsch, die Älteren nur manchmal Jiddisch. Und von den Riten hatten viele – da sie in einem atheistischen Staat aufgewachsen waren – keine Ahnung.

Für die kleine jüdische Gemeinde eine Riesenherausforderung: Im Alleingang musste sie Deutschkurse, Religionskurse, die Integration der Familien und die Vermittlung von Geschichte stemmen, um den Neuankömmlingen überhaupt eine Ahnung davon zu geben, welche Höhen und Tiefen die Juden in Braunschweig schon erlebt hatten. Ein steter Kampf gegen das Vergessen, der vor allen die wenigen Älteren und den Vorstand der Gemeinde fordert: „Wir müssen im Prinzip das ABC des Judentums weitergeben, Schulklassen führen, Veranstaltungen organisieren und uns um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert“, erzählt die inzwischen 69-Jährige Wagner-Redding von ihren dicht gedrängten und manchmal atemlosen Arbeitstagen.

Und trotzdem: Irgendwie schafft die Gemeinde den Spagat zwischen Tradition und Fortschrittlichkeit, zwischen unauffälliger Bescheidenheit und mutigen Gedanken zur aktuellen Lage – „auch wenn wir uns damit immer mal wieder zwischen die Stühle setzen“, sagt Wagner-Redding.

Erste Rabbinerin

Da war zum Beispiel die Sache mit der Rabbinerin. Mitte der 90er Jahre stellte die liberal-konservative Gemeinde neben Oldenburg zum ersten Mal eine Frau als Rabbiner ein und erntete einen Sturm der Entrüstung – nicht nur von anderen jüdischen Gemeinden, sondern auch von christlichen Kirchen. 2012 gerieten die Juden wieder in den Fokus, als ein Kölner Landgericht die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung verurteilte. „Damals drehte es sich zwar um einen muslimischen Jungen, aber das ging in der nachfolgenden hitzigen Debatte völlig unter“, erinnert sich Wagner-Redding an polemische
E-Mails, die die Braunschweiger Gemeinde erhielt, und die Wagner-Redding vor allem deshalb bitter stimmten, „weil wir es waren, die die Prügel für die Muslime kassierten“ und weil sich wieder einmal zeigte, wie schnell die Toleranz gegenüber Juden ins Gegenteil kippen kann.

„Ich bin zwiegespalten“

Und jetzt die Flüchtlinge. Die Vorsitzende dreht nachdenklich ihre Kaffeetasse. „Ich bin da zwiegepalten“, gesteht sie. Einerseits wüsste jeder Jude, was es heißt, aus einem Land zu fliehen, in dem man unterdrückt wird. „Wir feiern in dieser Zeit das Pessach-Fest, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern“, betont sie. Und dass Flüchtlinge nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen würden – auch das ist Juden aus der Geschichte – vor allem aus der Zeit des Dritten Reichs – bekannt. „Damals wurden bei weitem nicht alle verfolgten Juden im Ausland aufgenommen“, sagt Wagner-Redding.

Der Ansturm vor allem muslimischer Flüchtlinge füllt sie dennoch mit Sorge. „Sie nehmen den Judenhass praktisch mit der Muttermilch auf. Schon in der Schule wird ihnen der Antisemitismus eingeimpft“, erzählt sie von Führungen, in denen sie mit entsprechenden Kommentaren muslimischer Schülern konfrontiert wird. „Erst vor zwei Jahren skandierten arabische Demonstranten anlässlich des Gaza-Kriegs ’Juden ins Gas‘“.

Kein Wunder, dass Wagner-Redding bei öffentlichen Veranstaltungen immer wieder mahnend den Finger hebt. „Die Muslime müssen sich anpassen, an Recht und Gesetz halten – so wie wir unsere Traditionen bewahrt und uns dennoch überall integriert haben“, sagt sie.
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1 Kommentar
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Dietmar Kühl aus Cremlingen | 23.05.2016 | 15:49  
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