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Zwischen Fabrik und Malblock

Nejla Gür kam als Gastarbeiterin und studierte später an der Hochschule für Bildende Künste

Von Birgit Leute, 10.02.2010


Braunschweig. Mit 17 Jahren ins Ausland, Bandarbeiterin, Künstlerin: Nejla Gür ist ein Typ, der sich durchbeißt. In den 70er Jahren kam die Türkin nach Deutschland – als Gastarbeiterin. Erst Jahre später begann mit einem Kunststudium ihr „zweites, ihr glücklicheres Leben“.

Paris, Istanbul, Havanna und natürlich Braunschweig: Als Malerin ist Nejla Gür international bekannt. Erst kürzlich war sie auf einem „Markt für zeitgenössische Kunst“ auf Martinique vertreten. „Es läuft“, ist sie mit ihrer derzeitigen Situation zufrieden.
So leicht lief es nicht immer für Nejla Gür. Mit nichts in der Tasche strandete die Türkin vor
40 Jahren in Deutschland. Ihr einziger Wunsch: Weg von Zuhause, raus aus der Bergbaustadt Soma und die Welt sehen. Doch die Anfänge in dem fremden Land waren nicht leicht. Blaupunkt Hildesheim hieß die erste Station. „Keine sehr schöne Zeit“, sagt Gür rückblickend. Acht Stunden Arbeit am Band, immer die gleiche Halle, immer die gleichen Griffe. Auch das „zu Hause“ war nicht viel besser. „Ich wohnte außerhalb, in einer kleinen Stadt und in einem Hochhaus mit lauter anderen türkischen Gastarbeitern“, erzählt sie. Abwechslung vom Alltag, Integration, multikulturelle Begegnungen – „gab es damals alles noch nicht“, sagt die heute 58-Jährige.
Doch Gür hatte Glück: Eine deutsche Familie half ihr über die sprachlichen Probleme hinweg und sorgte dafür, dass ihr Talent entdeckt wurde: das Malen. „Irgendwann stand ich vor einem Kunstprofessor der Uni Hildesheim und zeigte ihm meine Entwürfe.“ Heute muss sie über ihre Naivität lachen. „Ich wusste nichts über Kunst, hatte nie entsprechende Bücher gelesen, kannte keine Fachbegriffe. Ich wusste nur: Die Stunden, in denen ich malen konnte, waren die schönsten des Tages.“
Und Gür hatte wieder Glück: Der Professor erkannte das Talent und gab der jungen Türkin eine halbe Stunde die Woche Unterricht. Von da ab stand sie tagsüber am Band und saß nachts mit Tusche und Bleistift am Küchentisch, während die Arbeitskollegen im Nebenzimmer schliefen. Mit 27 Jahren wurde Gür schließlich zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste zugelassen. „Für mich begann ein neues Leben“, sagt sie heute. Auch wenn sie inzwischen gut von der Kunst leben kann und sich mit verschiedenen Wandmalprojekten, darunter an der Grundschule Isoldestraße, einen Namen gemacht hat – ihre ersten Erfahrungen als Ausländerin hat sie nie vergessen, thematisiert sie immer wieder in ihren Bildern. „Ich war schon so vieles: Gastarbeiter, Türkin, Muslimin, aber nie einfach nur Nejla. In meinen Arbeiten stelle ich deshalb den Menschen an sich in den Mittelpunkt, einen Menschen in Bewegung, denn so ist doch das Leben: ein ständiger Fluss. Nie weißt du, was morgen kommt, also mach dir keine Sorgen und halte die Augen offen.“
Die nächste Ausstellung ist schon in Planung: Voraussichtlich im Mai werden Bilder von Nejla Gür im Gemeindehaus Stöckheim zu sehen sein.
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