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Zwei Legenden um den Grünen Knollenblätterpilz

Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) jung: Erste Symptome einer Vergiftung durch den Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) sind heftiges Erbrechen und Durchfall.
 
Grüner Knollenblätterpilz: Die Zeit vom Verzehr bis zum Auftreten der ersten Symptome (Latenzzeit) beträgt zwischen 4 bis 36 Stunden.
Braunschweig: Braunschweig |

Warum wird der giftige Grüne Knollenblätterpilz immer wieder mit essbaren Pilzen verwechselt?

Meist anlässlich von Pilzvergiftungen wird durch verschiedene Behörden, Krankenhäuser, Giftinformationszentren, Medien sowie Pilzsachverständige zu Recht vor tödlich giftigen Grünen Knollenblätterpilzen gewarnt.

Insbesondere aber im Zusammenhang mit Knollenblätterpilz-Vergiftungen von Neubürgern aus Osteuropa ist immer wieder von den o. a. Institutionen bzw. Personen die Aussage zu lesen oder zu hören, dass in ihrem Herkunftsland angeblich essbare Pilze wachsen sollen, die dem hier wachsenden, giftigen Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) so sehr gleichen, dass sie kaum zu unterscheiden sind und es deshalb immer wieder zu Verwechslungen und damit zu Vergiftungen kommt. Seit 2015 wird die gleiche Aussage von der nahezu identischen Pilzart auch im Zusammenhang mit Flüchtlingen kolportiert.
Ich weiß durch meine Kontakte zu Neubürgern natürlich, dass Osteuropäer durch besondere Aufbereitung auch Pilzarten verzehren, die bei uns nicht als Speisepilze gelten – z. B. scharfe Milchlinge. Sogar Gelbe Knollenblätterpilze sollen auf dem Speisezettel stehen.

Eine weitere Aussage von Neubürgern aus Osteuropa und Flüchtlingen im Zusammenhang mit Vergiftungen durch Grüne Knollenblätterpilze ist "den gibt es bei uns nicht". Das gleiche Argument wurde mir von einem türkischen Mitbürger zum Sammeln von Pilzen in der Türkei berichtet. Da ist es doch sehr verwunderlich, dass sowohl die UDSSR als auch die Türkei eine Briefmarke mit dem Grünen Knollenblätterpilz herausgegeben haben; ebenso Algerien, Guyana, Ghana, Ungarn, Tschechoslowakei, Ungarn, Vietnam und Estland. Zur Verbreitung der Pilzart in weiteren Ländern und Regionen ist bei wikipedia zu lesen: Australien, Neuseeland, Pakistan, Südafrika, Südamerika, Kleinasien, Kaukasus, China, Japan, Nordamerika, Nordafrika, Europa.
Kurz gesagt:

Die Pilzart Amanita phalloides hat weltweite Verbreitung.

Als welche essbare Art tarnt sich denn der Grüne Knollenblätterpilz derart heimtückisch, dass er sowohl essbaren Pilzen in Russland als auch in Syrien so sehr gleicht? Die Welt der Mykologen und Pilzfreunde ist seit langem dicht vernetzt. Welchen Namen trägt „Der große Unbekannte“, der essbare Pilz, der dem Grünen Knollenblätterpilz so sehr gleicht? Hätten wir nicht schon längst via Internet entsprechende Hinweise erhalten?
Natürlich gibt es in Deutschland und vermutlich auf der ganzen Welt essbare Pilzarten, die man mit dem Grünen Knollenblätterpilz verwechseln kann – wenn man die Bestimmungsmerkmale seiner gesuchten Speisepilze sowie der wichtigsten Giftpilze nicht genau kennt und gegebene Unterschiede ignoriert. Eine Bestimmung nur auf die Hutfarbe zu reduzieren reicht eben nicht aus – auch nicht für den erfahrenen Pilzexperten. Das alles sind nicht belegte Legenden.
Mein russisches Pilzbuch von 1974 (252 Seiten, farbige Frkp.-Zeichnungen, Beschreibungen, einige Mikrozeichnungen, meist Sporen, Basidien, Zystiden) weist den Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), den Frühlingsknollenblätterpilz (A. verna) und den Kegelhütigen Knollenblätterpilz (A. virosa) als ebenso giftig aus wie entsprechende Champignons, Täublinge usw. als Speisepilze.
Grüne Knollenblätterpilze und die ebenso giftigen weißen Verwandten sind also auch im russischsprachigen Raum als Giftpilze seit langem bekannt.

Es gibt allerdings leider auch Pilzsammler, denen die traditionellen Bestimmungsmerkmale überhaupt nichts sagen. Anlässlich der Vergiftung eines Südosteuropäers mit dem Grünen Knollenblätterpilz befragte ich den Patienten, mit welcher Art er den Knollenblätterpilz verwechselt habe. Seine Antwort: "Ich habe ihn nicht verwechselt! Wir riechen am Pilz; riecht er gut, probieren wir ihn; wenn er gut schmeckt, kommt er in die Pfanne. Das haben wir immer schon so gemacht." Immerhin hatte es der Patient mit dieser Methode auf 70 Lebensjahre gebracht. Man möchte es kaum glauben: Auch das Mitkochen einer Zwiebel oder eines Silberlöffels als Indikator für Giftigkeit und Essbarkeit ist gelegentlich noch Stand des Wissens.
Dieser Beitrag soll bitte nicht als Schelte an den Personen aufgefasst werden, die sich vergiftet haben. Eine Erklärung und Entschuldigung für das eigene Leid oder das der Familie zu suchen, ist nur natürlich und verständlich.
Vielmehr geht es darum, die Aussagen vom „nahezu identischen Doppelgänger“ oder „den gibt es bei uns nicht“ als eine Entschuldigung der Betroffenen vor sich selbst hinzunehmen, jedoch nicht als unumstößliche Tatsache und Erklärung für scheinbar unabwendbare Vergiftungen zu akzeptieren.
Es gilt, die Legenden vom Doppelgänger und dem „gibt es nicht bei uns“ endlich ad acta zu legen und nicht immer wieder bei jeder schweren Vergiftung neu aufzuwärmen und zu verbreiten.
Es ist nicht der heimtückische Pilz, sondern es sind Unkenntnis, Nichtwissen um Bestimmungsmerkmale, Ignorieren von Unterschieden, Halbwissen, verlorengegangene Kenntnisse, möglicherweise auch Nachahmung des Sammelns ohne Hintergrundwissen um die hier vorkommenden Arten und deren Giftigkeit, die in die Katastrophe führen.

Der wichtigste Satz dieses Artikels: An diesen Defiziten zu arbeiten, das ist die schwierige Aufgabe für alle, die mit der Materie befasst sind und sich hier angesprochen fühlen.
Harry Andersson (Pilzsachverständiger DGfM)
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