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„Zuhause – das ist heute eine Sache auf Zeit“

Luc Degla übt gleich drei Berufe parallel aus: Wirtschaftsingenieur, Gastwirt und Schriftsteller. 2010 eröffnete er das „Sowjethaus“ in Dibbesdorf in den Räumen des ehemaligen „Burundi Black“. Foto: T.A.

Luc Degla ist nicht nur Kneipier, er hat sich auch als Schriftsteller einen Namen gemacht, außerdem möchte er den Austausch mit Benin fördern.

Von Birgit Leute, 02.09.2016.

Braunschweig. Sein Lokal kommt in dem 1500-Seelen-Dorf genauso exotisch daher wie er selbst. 2010 eröffnete Luc Degla das „Sowjethaus“ in Dibbesdorf. Wo sonst eher ein „Dorfkrug“ mit Bier, „Kurzen“ und Bundesliga live lockt, hat der Wirt aus Westafrika etwas Neues gewagt: Seine Gäste können selbst bestimmen, was geboten wird und ihn, die Küche und die Unterhaltung darum herum buchen. Klingt mutig, doch Degla winkt ab. „Ach was, die Leute hier akzeptieren das. Für sie bin ich ein Dibbesdorfer“.

Wie sein Lokal passt der 48-Jährige aus Benin einfach in keine Schublade. Seit mehr als 20 Jahren lebt Degla mittlerweile in Braunschweig. Er hat an der TU Maschinenbau studiert und übt derzeit drei Berufe gleichzeitig aus: Wirtschaftsingenieur, Gastwirt und Schriftsteller. Einen Namen hat sich Degla vor allem durch seine Bücher und Kolumnen gemacht, in denen er gerne mal die hiesige Gesellschaft aufs Korn nimmt. Er spricht perfekt Deutsch, engagierte sich in einer afrikanischen Studentenvereinigung, war Mitglied in mehreren Gremien und Vereinen.

Klingt alles nach einer Erfolgsgeschichte, und doch: Wenn die Rede auf Heimat kommt, schweigt Degla erst einmal lange. „Ob Deutschland meine Heimat ist? Ob ich hier angekommen bin?“, fragt er nachdenklich zurück und schüttelt nach ein paar Minuten den Kopf. „Nein, angekommen in dem Sinne bin ich nicht. Das würde doch heißen, dass ich hier für immer bleibe. Dabei weiß doch heute keiner so genau, wo es ihn nach ein paar Jahren hin verschlägt. Vielleicht muss man den Job wechseln oder man lernt jemanden in einer anderen Stadt kennen und zieht fort. Es ist doch alles ein Zuhause auf Zeit geworden“, sagt Degla.

Studium in Moskau

Ein Zuhause auf Zeit – das hatte Degla schon einmal vor Braunschweig, in Moskau. Als junger Stipendiat studierte er bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Maschinenbau an der Patrice- Lumumba-Universität. Noch heute ist er von der Art und Weise, wie Migranten im damaligen Ostblock betreut wurden beeindruckt. „Wir hatten lange nicht so viel Freiheiten wie in Deutschland. Aber wir hatten einen Mentor, der uns die ganze Zeit hindurch begleitet hat und uns alles genau erklärte“, sagt Degla. Umso schlimmer war das Loch, in das er mit dem Wechsel nach Deutschland fiel.
„Alles, was ich vorher gemacht hatte – mein Studium in Benin, die Abschlüsse in der Sowjetunion – galten nichts mehr“, erinnert er sich an seinen ersten Besuch beim Arbeitsamt. Nichts zu haben, niemand zu sein – für jemanden wie Degla war das ein besonders hartes Brot, denn der Westafrikaner hatte sein Land nicht aus der Not heraus verlassen. Er wollte einfach frei sein, Neues zu entdecken. „Meine Eltern arbeiten beide als Lehrer. Ich ging damals hauptsächlich weg, um mich abzunabeln“, sagt Degla über seine Jugendzeit.

Blick nach Benin

Ein bisschen wirkt Degla wie ein Spürhund: Immer die Nase am Boden, immer auf der Suche nach einer neuen Idee. Sein jüngstes Projekt: Den Austausch zwischen deutschen Autobauern und Werkstätten mit den Kollegen in Benin zu fördern. „Die haben dort häufig Probleme mit Reparaturen, deshalb wäre ein Dialog dringend nötig“, sagt Degla.
Irgendwo hat er noch eine Ex-Frau und einen Sohn, doch der Kneipier aus Dibbesdorf kennt seine Schwächen, hat sich daher im Moment bewusst für ein Single-Dasein entschieden. „Ich habe einfach kein Talent für Beziehungen. Ich liebe zu sehr meine Freiheit“, sagt Degla über Degla.
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