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Zufallstreffen mit Wilhelm Bracke

Andreas Rost, Vorstand der Vereinigten Wohnungsgenossenschaft, hat sich mit Mieter Karl Heeren an der Gedenktafel verabredet. Es ist eine schöne Geschichte, die den 81-jährigen Heeren mit der Tafel verbindet. Foto: T.A.

Gedenktafel mit besonderem Erinnerungswert für Karl Heeren.

Von Marion Korth, 25.04.2015.

Braunschweig. „Da war ich ganz schön überrascht“, sagt Karl Heeren. Er steht neben der Backsteinsäule, die eine Erinnerungstafel für Wilhelm Bracke trägt, und er steht praktisch im Vorgarten des Hauses, in dem er wohnt. Dass er beides – eine neue Wohnung und diese Tafel – hier in der Broitzemer Straße gefunden hat, das ist Zufall oder mehr. Denn mit dieser Tafel sind für Karl Heeren besondere Erinnerungen verbunden.

Es war 1953, vielleicht Anfang 1954, da erhielt die Maschinenbaufirma Blume in der Beckenwerker Straße/Ecke Kupfertwete den Auftrag, die Gedenktafel für Wilhelm Bracke (1842-1880) aus Bronze zu gießen. Das Unternehmen stellte Armaturen her, reparierte alle möglichen Maschinen oder auch Dampfkessel. Gelegentlich wurden Lettern für Geschäftshausfassaden gegossen, Gedenktafeln aber wohl eher selten.

1951 hatte Karl Heeren ausgelernt, 95 Pfennig Stundenlohn erhielt der junge Maschinen- und Armaturenschlosser als Anfangslohn. Sein Auftrag: die Gedenkplatte nachzuarbeiten. Grate entfernen, bestimmt polieren, so genau weiß er es nicht mehr. Auch die Befestigungsanker hat er hergestellt. „Danach war die Tafel verschwunden.“ Heeren kannte den Auftraggeber nicht, wusste nicht, wo sie angebracht wurde.

Bis 1977, da löste sich das Rätsel. Er und seine Frau waren auf Wohnungssuche in Braunschweig. Die Vereinigte Wohnungsbaugenossenschaft schickte sie in die Broitzemer Straße, dort sei eine Wohnung frei. „Ja, und dann komme ich hierher und vor dem Haus steht die Gedenktafel“, sagt Heeren. Für ihn stand fest: Diese Wohnung nehme ich.“ Offenbar eine gute Entscheidung, fast 40 Jahre wohnt er dort, geht jeden Tag an „seinem Werk“ vorbei.

Die Häuser rundherum sehen aus wie neu, dabei wurden sie 1929 fertiggestellt. Zu dieser Zeit gab es schon einmal ein Wilhelm-Bracke-Denkmal, und das Gebäudeensemble an der Broitzemer Straße war als „Bracke-Hof“ bekannt. „Die Nationalsozialisten haben die Tafel zerstört. Wilhelm Bracke war Sozialdemokrat“, erzählt Andreas Rost. Der Vorstand der Vereinigten Wohnungsgenossenschaft hat ein wenig im Archiv forschen lasen und kam so mit Mieter Karl Heeren ins Gespräch. In den 1950er Jahren hat die Baugenossenschaft die Erinnerungslücke mit der neuen Tafel geschlossen. 950 Mark hat die Bronzeplatte gekostet, die Stadt Braunschweig und die SPD beteiligten sich an der Anschaffung. Am 25. Juli 1954 ist die Tafel feierlich enthüllt worden.

„Zu Ehren des Braunschweigers Wilhelm Bracke, dessen Ziele mit denen der genossenschaftlichen Idee übereinstimmen – Freiheit in Demokratie – Verbesserung des Lebensstandards der Arbeitnehmerschicht – wurde diese Wohnanlage mit 44 Wohnungen im Jahre 1929 von der Baugenossenschaft der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen erbaut und nach ihm benannt“, ist auf der Erklärungstafel zu lesen.

Jetzt war es dringend Zeit, dass das Denkmal wie die Häuser eine Schönheitskur erhält. „Wir wollten es nicht gegen etwas Neues austauschen“, sagt Rost. Die Steine wurden gereinigt, zum Teil neu gesetzt. Am 27. April jährt sich der Todestag Wilhelm Brackes. Wie in jedem Jahr wird die SPD sich zum Gedenken um die Tafel versammeln. In diesem Jahr allerdings schon am 26. April, weil der ein Sonntag ist.

Und Karl Heeren? Der wird sowieso jeden Tag an Wilhelm Bracke erinnert.
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