Anzeige

Worte allein reichen nicht

Dieses Schild hängt an der Tür zum Büro. Gesprochen wird in vielen Sprachen, mit Händen und Füßen, mit Bildern – vor allem aber deutsch. Jeden Tag ein paar Worte mehr. „Alle wollen loslegen, alle wollen Deutsch lernen“, sagt Christiane Hunke, Leiterin der Kinder- und Jugendschutzhauses. Foto: T.A.
 
Sie kommen auf unterschiedlichen Wegen, aber aus einem Grund. Deutschland sei ein sicheres Land, haben sie gehört. Foto: T.A.

Syrien, Irak, Afghanistan oder Eritrea: 146 Flüchtlingskinder hat die Stadt in ihrer Obhut.

Von Marion Korth, 6. Oktober 2015.

Braunschweig. Tigrinya oder Urdu – solche Sprachen kennt hier keiner. Auch nicht Christiane Hunke, Leiterin des Kinder- und Jugendschutzhauses in Ölper. Mit den Flüchtlingskindern aus Eritrea oder Pakistan gehören diese Sprachen nun zum Alltag.

19 minderjährige Jugendliche, die allein und auf sich gestellt Braunschweig erreicht haben, teilen sich in dem Haus am Stadtrand den Platz, der eigentlich für zehn Kinder gedacht ist. Im Mitarbeiterzimmer stehen seit neuestem zwei Computertische – alle rücken zusammen. „Auf unserer Liste haben wir 48 Dolmetscher“, sagt Hunke. Manchmal wird aber auch über drei Jugendliche hinweg übersetzt, weil manche Worte sich gleichen, einer zum Glück Englisch spricht. Durch die „Um-die-Ecke-Kommunikation“ kommt es zu Missverständnissen. „Und zu lustigen Situationen“, sagt Hunke. 146 Jugendliche hat die Stadt in ihrer Obhut, täglich kommen weitere.
Die Raufasertapete drückt sich mit kleinen Buckeln durch, wo wandernde Finger auf der Weltkarte Fluchtwege nachzeichnen: Der Beginn ist in Pakistan, im Irak, in Syrien, führt auf der einen oder anderen Route über die Balkanstaaten nach Nordwesten. Nur der Endpunkt ist bei allen Jungen derselbe: Deutschland. Braunschweig. Endlich angekommen.
„Hier ist es gut, sehr gut“, sagt ein 17-Jähriger. Es ist sein erster Tag im Kinder- und Jugendschutzhaus in Ölper. Zwei Wochen war der Junge aus Kurdistan unterwegs, im Boot, zu Fuß, mit dem Zug. 3500 Euro habe seiner Mutter dem Schlepper bezahlt, berichtet er auf Englisch. Weil das Geld nicht reichte, schickte sie ihn allein weiter, blieb selbst in Bulgarien. Ja, er hofft, sie bald wiederzusehen. Es ist nicht der Krieg, vor dem sie geflüchtet sind. Seine Mutter sei zum christlichen Glauben übergetreten, habe Morddrohungen von ihrer eigenen Familie erhalten. Dann sind da die beiden Jungen aus Pakistan, 15 und 16 Jahre alt. 2014 brachten die Überschwemmungen Tod und Existenznot über ihre Familien. Zuletzt wurden die schiitischen Moslems von Terroristen verfolgt, sie flüchteten. Studieren wollen sie, Ingenieure werden. Der Junge aus Kurdistan hat andere Träume. Er sieht gut aus, er möchte Model werden.
Die Erwartungen sind hoch, der Willen, es zu schaffen, groß. Die Probleme sind es auch. „Wir können die Vergangenheit nicht totschweigen“, sagt Psychologin Ulrike Werner. Was bleibt, ist ein vorsichtiges Vortasten, Vertrauen gewinnen, warten, dass die Jugendlichen von allein erzählen. Neulich hat einer der Jungs gegen eine Heizung getreten, es schepperte durchs ganze Haus. „Das war nicht böse gemeint", sagt Christiane Hunke, Leiterin des Kinder- und Jugendschutzhauses. „Er hatte gerade erfahren, dass seine Schwester gestorben ist.“ Ein anderer weint, als er im Internet Bilder aus Afghanistan sieht. Das Dorf, aus dem er kommt, wird in Schutt und Asche gelegt. Er versucht, Kontakt zu seiner Familie zu bekommen – vergeblich.
Die Jungen dürfen ins Internet, aber streng reglementiert zu festen Zeiten. Welche das sind, zeigen die Zettel mit rot und grün markierten Ziffernblättern an der Wand. Acht Flüchtlingskinder aus dem Haus besuchen die Sprachklassen der Schule in Rüningen, andere Sprachkurse bei der VHS oder der Oskar-Kämmer-Schule, andere die Berufsbildenden Schulen. In einem Raum stehen Kickertische, Fahrradtraining und Boxen werden angeboten. Alles ist besser als zu warten.
Grobe Ungereimtheiten in den Schilderungen der Jungen würden schnell aufgedeckt, alles andere ist „Detektivarbeit“. In Norden-Norddeich wurde früher das so genannte Clearing gemacht. „Aber die sind völlig überlastet“; sagt Barbara Reinmüller, Leiterin der Abteilung besondere Erziehungshilfen. Also noch eine Aufgabe für die städtischen Mitarbeiter. Sie hofft bald auf Unterstützung. „28 Stellen können wir neu besetzen, am Mittwoch beginnen die Vorstellungsgespräche.“ Jeden Tag kommen fünf neue minderjährige Flüchtlinge ohne Familie, andere finden bei der Awo oder im Remenhof einen Platz. Und manche Geschichten finden ein gutes Ende. „Ein Junge ist in Frankfurt von seinen Eltern getrennt worden, den haben wir einfach zurückgeschickt“, sagt Reinmüller.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.