Anzeige

Wie viel Geld darf Inklusion kosten?

Florentin Ziegler in seinem Zimmer. Weil die medizinische Versorgung nicht geklärt ist, kann der 19-Jährige keine Ausbildung beginnen und sitzt seit einem Monat zu Hause. Fotos: Wiefel
 
Manuela Ziegler vor den Aktenbergen. Die Korrespondenz mit Behörden und Ärzten füllt ganze Ordner.

Florentin Ziegler sollte eine Ausbildung bei der Lebenshilfe beginnen, doch es gibt Ärger mit der Krankenkasse.

Von Birgit Wiefel, 30.09.2017.

Braunschweig. Auf seine Modellautos ist Florentin besonders stolz. Gleich zwei Regalreihen füllen sie in seinem Zimmer, das aussieht, wie Zimmer von 19-Jährigen halt aussehen: Couch, Bücher, Flachbild-Fernseher, eine große Fototapete mit Wolkenkratzern an der Wand. Allerdings: Unten im Erdgeschoss stehen Gehhilfen, draußen vor der Haustür parkt ein rot-schwarzer Rollstuhl. Florentin muss sich mit zwei Händen mühselig die Treppe hochziehen, um in sein kleines Reich im ersten Stock zu gelangen.

Seit seiner Kindheit ist der Schapener gleich mehrfach behindert: Seine Gelenke sind versteift, die geistigen Fähigkeiten eingeschränkt. Hinzu kamen vor einigen Jahren eine Zuckerkrankheit und epileptische Anfälle. All das hat Florentin nicht daran gehindert, eine Schule zu besuchen. Doch jetzt, da es darum geht, eine Ausbildung bei der Lebenshilfe zu beginnen, steht der 19-Jährige, vor verschlossenen Türen. Grund: Die Krankenkasse verweigert die Kostenübernahme für eine Einzelfallhilfe.
„Die ganze Schulzeit über wurde diese Art der Betreuung nie infrage gestellt“, ist Florentins Mutter, Manuela Ziegler, tief enttäuscht über die Reaktion. Für die zuständige Siemens Betriebskrankenkasse ist es allerdings eine Kostenfrage. Einzelfallbetreuung bedeutet: Während des gesamten Tages außer Haus steht Florentin eine medizinische Begleitung zur Seite. Nicht nötig, sagt die Kasse und stützt sich dabei auf das Gutachten eines Diabetologen. Der hätte festgestellt, „dass während Florentins Anwesenheit in der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe eine viermalige Messung des Blutzuckerspiegels sowie eine bis zu siebenmalige Insulininjektion genügen“, schreibt die zuständige Sachbearbeiterin der NB.

So weit so gut. Merkwürdig ist nur, dass derselbe Diabetologe im Mai diesen Jahres und auch noch drei Tage vor dem Gutachten, auf das sich die Krankenkasse stützt, eine andere Meinung vertrat. In diesen Einschätzungen, die der NB vorliegen, heißt es, dass bei Florentin eine „spezielle Krankenbeobachtung durch einen Einzelfallhelfer nötig“ sei – und zwar über die gesamte Arbeitszeit.

Auf dem Esstisch der Zieglers stapeln sich mittlerweile die Schreiben. Der Lebenshilfe sind die Hände gebunden, „sobald die Rahmenbedingungen geklärt sind, worauf wir keinen Einfluss haben, kann Herr Ziegler sofort aufgenommen werden“, teilt sie mit. Auch die Stadt verweist auf die Krankenkasse als Kostenträgerin für die gewünschte medizinische Betreuung.

Manuela Ziegler jedenfalls will hart bleiben, lehnt das Angebot der Kasse über punktuelle Besuche aus Sorge um ihren Sohn kategorisch ab. „Seit 19 Jahren kümmere ich mich um Florentin. Begleite ihn tagsüber zu Ärzten oder Therapien, schlafe nachts neben ihm, um direkt eingreifen zu können, wenn die Insulinpumpe mal wieder nicht funktioniert oder er Angst bekommt. Er kann nicht alleine gelassen werden“, ist die Mutter fest überzeugt.

Längst hat der Kampf mit den Behörden, der anstrengende Alltag einer alleinerziehenden Mutter mit einem behinderten Kind, tiefe Spuren hinterlassen. Die Augen blicken müde. „Ich habe keine Kraft mehr“, ringt die 59-Jährige mit den Tränen. Auch Florentin sei längst nicht mehr der fröhliche Junge von früher. „Er wird erwachsen, muss dringend unter Gleichaltrige und geistig gefordert werden“, sagt Ziegler.
Jetzt hofft sie auf Hilfe. Und ein kleines Wunder.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.