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Wie ich kein Millionär wurde – aber reich an Erfahrung

nB-Volontär Marc Wichert gewann 16 000 Euro bei der RTL-Sendung „Wer wird Millionär?“

. Von Marc Wichert, 05.01.2011

Braunschweig/Köln. Ich war bei Jauch. Bei Günther Jauch. Und bin „auf den Stuhl“ gekommen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich kam nicht mal in die Nähe des Höchstgewinns. Doch dazu später. Hier mein Erfahrungsbericht von einem Tag, der mein Leben – zum Glück – nicht wirklich verändert hat. Aber mich.

„Stellen Sie eine Wlan-Verbindung her...“. Ich sitze im RTL-Studio in Köln, mein Herz rast, meine Hände schwitzen. Jetzt geht es ums Ganze, ich bin nah dran. Einer von uns fünf Kandidaten ist gleich einen Schritt näher am großen Geld. Hochkonzentriert tippe ich die Buchstaben der richtigen Reihenfolge auf den kleinen Bildschirm vor mir. Eine Sirene heult auf, eine Stimme ruft meinen Namen. Und zack! Ich sitze auf dem berühmten Stuhl bei „Wer wird Millionär.“

Erst mal ein Schluck Wasser. Lenkt mich ab. Von den Kameras, den Zuschauern, von der Aufregung, nun endlich Jauch gegenüberzusitzen. Die ersten Fragen laufen ganz gut. Wie man eine Zahl mit sich selbst mal nimmt? Weiß ich. Trotz der Stresshormone in meinem Blut. Auch hinter einem exotisch klingenden Namen kann ich den Erfinder der Manga-Comics erkennen. „Günther und ich“ arbeiten uns durch Themen wie Königshäuser und Fremdsprachen. Aber bei Frage zehn sehe ich schwarz. Panik. Hier geht es zwar nicht um Leben und Tod, aber doch um viel. Um sehr viel! „Wie irreal“ höre ich mich noch sagen.
Dabei stand am Anfang nur ein Klick. Mein Bewerbungsklick. Vier Anläufe hat es gebraucht, bis ich den Anruf bekam, der mich hierhin gebracht hat. Die RTL-Frau am Telefon wollte alles über mich wissen, stellte mir seltsame Fragen, machte ein regelrechtes Casting. Schließlich soll dem Jauch später kein schweigsamer, eigenbrötlerischer Sonderling gegenübersitzen. Meine Stimmung wechselte damals zwischen dem Gefühl, bald alle meine Wünsche erfüllen zu können und einer wachsenden Aufregung. Und immer wieder dieses Gedankenexperiment: Was würde ich mit einer Million machen? Motorrad, natürlich Reisen. Und da gibt es diese Orang-Utan-Station auf Borneo...
Dann ging es Schlag auf Schlag. Fast schon zu schnell, um wahr zu sein. Ich bekam diverse Formulare zugeschickt, die entweder ich ausfüllen musste oder meine Telefonjoker oder wir alle zusammen. Kompliziert.
Nicht nur, dass meine Joker in verschiedenen Städten wohnen und ich dementsprechend viele Formulare hin- und her- und wieder zurückschicken musste. Die Joker mussten natürlich auch alle am Tag der Aufzeichnung erreichbar sein. Macht bei drei Telefonjokern plus einen Ersatzjoker ziemlich viele E-Mails und Telefonate. Aber was tut man nicht alles für eine Million? Wahrscheinlich wäre ich sogar per Maultier zur Aufzeichnung nach Köln geritten, nur um eine Chance zu ergreifen, die ich wohl nie mehr in meinem Leben bekommen werde.

Dann ging alles ganz schnell: Warten am Kölner Bahnhof, Fahrt zum Sender, kurze Begrüßung, Vortrag über den Show-Ablauf. Schließlich wurde einer nach dem anderen aus der aufgeregten Kandidatenschar rausgepickt, geschminkt und studiofertig gemacht. Zum Glück hatte ich mehrere T-Shirts eingesteckt – die ich halbstündlich wechseln musste. Schwitz...
Mein Kreislauf glich mittlerweile einem reißendem Strom nach der Schneeschmelze und sollte sich bis zu Beginn meiner Aufzeichnung zu einem mittelschweren Tsunami entwickeln.
„Wie irreal...“ sage ich wieder und lasse mir von Jauch die nächste Frage vorlesen. Eine Literaturfrage. Eigentlich nicht schlecht. Aber wenn man da sitzt, Kameras überall, Jauch vor dir, Zuschauer ringsum – alles ist anders.

Ich rufe doch lieber meinen Telefonjoker an. Ein Ex-Lehrer. Englisch, Deutsch, Religion. Perfekt! Ich lese ihm die Frage: „Welcher englische Schriftsteller signierte seine Werke mit „by me“?“ und die möglichen Antworten vor. Mein Joker versteht nicht ganz, ich wiederhole. Stille. Nichts. Jauch drängt. Ich bettel um ein Zeichen. Die Zeit läuft.... Und läuft ab. Nicht ganz so perfekt. Ich wähle den nächsten Joker – meinen letzten. Der Fifty-fifty-Joker schmeißt zwei Antworten raus, mein Favorit ist weg. Was tun? Ich entscheide mich für... Shakespeare – und bin kaum noch bei Sinnen. Wenn jetzt die Antwort falsch ist, falle ich auf 500 Euro zurück. Dabei wollte ich doch kein Risiko eingehen. Ist die Antwort richtig, habe ich 16 000 Euro. Sie ist!
Ein Stein, nein Fels, fällt mir vom Herzen. Die nächste Frage bitte! Thema: Anatomie. Gar keine Ahnung. Egal. Ich lese die Frage, „Was hat jeder Mensch? A. Steißbeinflossen, B. Brustbeinschnäbel, C. Sitzbeinhöcker oder...“, ach, was weiß ich denn? Ich weiß überhaupt nicht Bescheid und rate blind Brustbeinschnäbel. Mir kann ja nichts mehr passieren. Die 16 000 Euro sind sicher. Als Günther Jauch die richtige Lösung nennt – Sitzbeinhöcker – bin ich irgendwie erleichtert. Es ist endlich vorbei und ich will raus hier.
16 000 Euro habe ich gewonnen. Mit einem Klick. Und nun? Denke ich gern zurück an diesen Tag. Mit einem weinenden Auge und mit einem lachenden, glücklichen. Denn mein Leben nimmt nun keine völlig neue Richtung, und das ist ganz gut so.
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