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Wenn Spielen zum Zwang wird: „Ich hatte ein zweites Ich“

Renate Duschanek (l.) ist Sozialpädagogin im Lukas-Werk und kümmert sich um Glücksspielsüchtige. Foto: T.A.

Rund 450 000 Deutsche leiden einer Studie zufolge an Spielsucht – Bundesweiter Aktionstag.

Von Birgit Leute, 19.09.2015.

Braunschweig. „Glücksspielsucht wird von Betroffenen als existenzbedrohend empfunden. Schlimmer noch als Alkoholsucht“, sagt Renate Duschanek.

Die Sozialpädagogin des Lukas-Werkes hat in ihrer Arbeit täglich mit Glücksspielsüchtigen zu tun. Am Mittwoch (23. September) macht ein bundesweiter Aktionstag auf das Problem aufmerksam.

Nach einer Studie des Bundesverbandes für gesundheitliche Aufklärung zählen rund 450 000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in Deutschland als glücksspielsüchtig. „Es ist eine Sucht, die einem dem Boden unter den Füßen wegziehen kann“, betont Duschanek. Einer, der genau diese Erfahrung gemacht hat, ist Fabian Müller (Name von der Redaktion geändert).
„Es fing eigentlich ganz harmlos an“, erinnert sich der heute 26-Jährige. Mehr aus Langeweile als aus Interesse begleitete er vor einigen Jahren Freunde in verschiedene Spielotheken. Müller ist extrovertiert, treibt regelmäßig Sport , hat viele Kontakte – auf den ersten Blick also kein typisches Suchtopfer. „Zuerst hab ich nur zugesehen, einen Nervenkitzel habe ich anfangs gar nicht verspürt“, sagt er.

Das änderte sich allmählich: Irgendwann drückte ihm ein Kumpel zwei Euro in die Hand und lud ihn ein mitzuspielen. „Ich sagte mir: Warum nicht. Du verlierst ja nichts“, erzählt Müller.

Doch aus diesem ersten Versuch wurde bald Gewohnheit. Schlimmer noch: Der Reiz musste wachsen. Es reichte nicht mehr – etwa beim American Poker – um fünf oder zehn Cent zu spielen, es mussten 40 oder 50 Cent sein. „Man wollte einfach immer auf den nächsthöheren Level kommen“, erzählt Müller von einem inneren Zwang.

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Das Geld wurde für den damaligen Azubi immer knapper. „Gegenüber meiner Freundin ließ ich mir immer neue Ausreden und Lügen einfallen. War ich mal wieder klamm, erzählte ich ihr, dass ich noch Rechnungen offen hatte und deshalb nichts ausgeben konnte.“

Irgendwann war Fabian Müller nicht mehr in der Lage, Miete und Strom zu bezahlen. Er verlor seine Wohnung, seinen Job und auch in der Beziehung kriselte es heftig. „Ich wusste, dass das alles nicht gut für mich war, und wollte aufhören. Aber ich schaffte es einfach nicht. Eines Tages war diese Langeweile wieder da, und ich ging erneut spielen.“ Um an Geld zu kommen, begeht Müller sogar zweimal einen Diebstahl. „Es war wie ein zweites Ich“, erschrickt er heute noch vor sich selbst. Als der Druck zu groß wurde, dachte Müller nur noch daran, sich das Leben zu nehmen. Nur dank seiner ehemaligen Freundin, die auch in dieser schlimmen Krise den Kontakt nie ganz abreißen ließ, kam Müller wieder auf die Füße. Inzwischen hat er sich für eine Therapie angemeldet.

„Ich war am Anfang tatsächlich überzeugt, ich schaffe das allein. Sprach mit niemandem darüber und versuchte, meine Sucht so gut wie möglich zu verschleiern. Heute weiß ich, dass mir das Reden und die Unterstützung meiner Angehörigen enorm geholfen haben.“

Info

• Am Mittwoch (23. September) findet wieder ein bundesweiter Aktionstag zum Thema Glücksspielsucht statt.

• Sie gilt als ernste Suchterkrankung, deren Heilung schwierig ist: Mehr als zwei Drittel der Spielsüchtigen erleben in unterschiedlichen Abständen kleinere oder größere Rückfälle.

• Renate Duschanek vom Lukas-Werk gründete im Oktober 2014 einen „Runden Tisch Spielerschutz“ und fordert konsequentere Kontrollen in den Spielhallen. Kontakttelefon: 8 89 20 60 .
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