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Wenn Essen zum Problem wird

Petra Kantenwein (r.), Leiterin der Wohngruppe Perspektive, im Gespräch mit einer Bewohnerin. T.A.

Die Wohngruppe „Perspektive“ hilft jungen Frauen, Essstörungen zu überwinden.

Von Birgit Leute, 25.03.2015.

Braunschweig. Zwei Jahre ist es her, dass bei Sonja Schmidt (Name von der Redaktion geändert) das Abnehmen außer Kontrolle geriet. „Ich fühlte mich zu dick und aß immer weniger“, erzählt sie. Das Ergebnis: Sonja wurde magersüchtig.

Es folgten eine Therapie, ein Umzug, ein Schulwechsel. Zurzeit lebt sie in einer Wohngruppe für essgestörte Mädchen. „Ich bin auf einem guten Weg“, sagt sie hoffnungsvoll.

Die Wohngemeinschaft mit dem Titel „Perspektive“ ist Teil des CJD Braunschweig und befindet sich in einem Gründerzeithaus im Östlichen Ringgebiet. 2004 eingerichtet ist sie derzeit das einzige Angebot in der Region, das eine Brücke zwischen einem Klinikaufenthalt und einer selbstständigen Lebensführung bildet.

Selten, aber gefährlich

„Essstörungen wie Magersucht sind selten, aber gefährlich“, bringt es Petra Kantenwein, Leiterin der Gruppe und diplomierte Heilpädagogin, auf den Punkt. Nur etwa ein halbes bis ein Prozent der Jugendlichen leidet darunter, doch die Sterblichkeit liegt hoch: In der Anfangsphase sterben fünf Prozent der Erkrankten, innerhalb von 20 Jahren ein Fünftel.

„Die Gründe für eine Essstörung zu finden, ist nicht immer leicht, meist kommen viele Auslöser zusammen. Fast immer aber stammen die Jugendlichen aus einem überfürsorglichen Elternhaus, in dem es wenig Geheimnisse gibt“, sagt Kantenwein. Die Mädchen entwickelten manchmal die Essstörung als Gegenreaktion: „Sie ist etwas, was die Mädchen in gewissem Sinn ganz für sich allein habe.“

Hilfe nach der Klinik

Neun Mädchen ab 14 Jahren leben derzeit in der Wohngruppe. Sie kommen aus der ganzen Bundesrepublik, haben alle einen Klinikaufenthalt hinter sich und versuchen nun – außerhalb ihres normalen Umfelds – wieder im normalen Leben Fuß zu fassen. „Wir achten darauf, dass sie zu festen Zeiten essen, auf die entsprechende Kalorienzahl kommen“, erklärt Kantenwein. Außerdem werden sie psychologisch betreut, erhalten eine pädagogische Begleitung und unternehmen gemeinsame Freizeitaktivitäten.

Grenzen und Freiheiten

„Ich wurde total herzlich empfangen“, blickt Sonja zurück, die am Anfang durchaus Vorbehalte hatte. „Ich machte mir vor dem Einzug wenig Hoffnung.“ Eine Wohngemeinschaft, in der zehn Essgestörte dicht aufeinanderleben – das sollte helfen?. Es half. Sonja genießt inzwischen den Austausch mit ihren Mitbewohnern, die entspannte Atmosphäre im Haus.

„Ich habe die Grenzen schätzen gelernt, die mir zu Anfang gesetzt wurden: Zum Beispiel nur zwei Stunden zum Unterricht zu gehen, wenn es gesundheitlich nicht geht. Das war vorher für mich undenkbar. Inzwischen habe ich mir mehr Freiheiten erarbeitet, habe Raum für mich bekommen. Ein optimistisches Gefühl.“
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