Anzeige

Weit weg von naiver Truckerromantik

Marcel Cichy ist Lkw-Fahrer und tagtäglich auf Deutschlands Straßen unterwegs – Mit dabei: 40 Tonnen, Zeit zum Nachdenken und viel Idylle.

Von Marc Wichert, 17.07.2011

Braunschweig/Schwerin. Irgendwo zwischen Countryklängen, naiver Truckerromantik und grauem Asphalt sind wir auf der Suche nach dem Alltag der Brummifahrer. Und treffen Marcel Cichy. Die Straße ist sein Arbeitsplatz. Nicht mehr und nicht weniger. NB-Volontär Marc Wichert fuhr einen Tag lang mit.

Wind und Regen hinterlassen bizarre Muster auf dem Glas. Das Korn auf den Feldern duckt sich, liegt schwer unter dem Wasser. Marcel, der Fahrer, drückt den Koloss mit 40 Stundenkilometern über die rechte Spur der Bundesstraße 4. Die Sicht ist schlecht, gesprochen wird nicht mehr. Die Starenkästen haben Pause – gerast wird anderswo...
Früh um acht stehe ich am Tag der Fahrt auf dem Hof der Braunschweiger Spedition Wandt, gegründet 1939, mittelständisches Familienunternehmen. Der Fahrer warte schon, sagt ein Mitarbeiter und bringt mich in den Pausenraum zu Marcel Cichy.
Marcel ist 21 Jahre jung, sehr schlank, trägt Blaumann und um den Hals eine Silberkette. So wie er am Morgen vor unserer Fahrt dasteht, etwas schüchtern, mit Rucksack über der Schulter, könnte er auch gerade auf dem Schulweg sein. Sein Job aber ist es, 40 000 Kilogramm zu bewegen. Marcel Cichy ist Berufskraftfahrer, fährt große Lkw von 16 Metern Länge.
Freundliches Begrüßen. Es wird nicht lang geredet, auf nach Schwerin. Der Lkw steht bereit. Groß und grün, der Firmen-Slogan „Unser Standort heißt Braunschweig, unser Arbeitsplatz Europa“ ist auf die Plane des Aufliegers gedruckt. Auf dem Lieferschein steht: 32 Europaletten Oettinger Bier, 1280 Flaschen, 25 Tonnen Gewicht. Es ist 8.10 Uhr, der Tacho zeigt Kilometerstand 196 721. Marcel Cichy hat gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen. Und hat jetzt einen Job, der ziemlich gefährlich sein kann.
Deutschland ist Stauland
Stau, stockender Verkehr, Stress. Die Verkehrsnachrichten melden oft nur noch Staus ab 4 Kilometern Länge. Schwere Unfälle nehmen zwar laut Statistischem Bundesamt ab. Einerseits. Andererseits steigt auf Autobahnen die Zahl der Todesopfer – in der Region Braunschweig starben 2010 nach Polizeiangaben 13 Menschen.
Besonders Unfälle mit Lkw-Beteiligung enden oft tödlich. Erst in dieser Woche starb ein Fahrer auf der A 2 bei Königslutter. Später, Tage nach der Fahrt, wird Marcel am Telefon sagen: „Man überlegt natürlich, wie man selbst reagieren würde in so einer Situation. Und man wird vorsichtiger.“
Marcel startet den Motor und fährt los. „Wir fahren erstmal Landstraße“, sagt Marcel Cichy, „ist angenehmer. Ist nicht so voll und Maut muss ich auch nicht zahlen.“ Marcel sitzt hinter einem großen Lenkrad, den rechten Ellbogen auf der Armlehne des gefederten Sitzes. Um ihn herum: automatisches Maut-Gerät, Navigationssystem, Funkgerät, Telefon, Kühlbox, alles mit der rechten Hand erreichbar. Die hat er frei, geschaltet wird nicht. Der 420-PS-Truck hat Automatik-Getriebe, dazu Servolenkung und Lenkhilfe.
„Den könnt‘ ich mit dem kleinen Finger lenken“, sagt Marcel. Er steuert den Truck aus dem Gewerbegebiet durch die Vororte. Dann die größeren, schließlich die kleineren Dörfer. An den Ortseinfahrten fast immer dasselbe Bild: Discounter-Filialen, Billigbekleider, 1-Euro-Läden. Zum Glück gibt es Ortsschilder.
Wir fahren über plattes Land. Die Südheide ringsherum, „Urlaubsregion Heidmark“ informiert ein Schild am Straßenrand. Und immer wieder die landwirtschaftliche Dreiheit des Nordens:, Getreide, Rüben, Kartoffeln in Blüte. Dazwischen Wälder, dunkel und weit. Die Dörfer werden ländlicher. Bauern verkaufen Spargel und „Kartoffeln ohne Gülle“ in kleinen Holzverschlägen.
Marcel Cichy kramt aus seinem Rucksack sein Frühstück, ein Pausenbrot. „Macht meistens meine Mutter“, sagt er kauend, den Blick auf die Straße gerichtet. Er wohnt noch bei den Eltern. Marcel wird bei dieser Fahrt keine der zahlreichen Raststätten entlang der Fernverkehrsrouten ansteuern. Gegessen wird am Lenkrad, seine Erholung plant er in die Abladezeiten ein. „So spare ich Zeit“.
Der Wettbewerb verlangt, das große Ganze, den Erfolg der Firma im Blick zu behalten. Das ist die Vorgabe an die Arbeitnehmer. Ein Dilemma für viele Trucker: hier der Wettbewerb, da das Gesetz. Das schreibt Ruhezeiten vor. Nach viereinhalb Stunden hinterm Lenkrad 45 Minuten Pause. Nach weiteren viereinhalb Stunden sind es 11 Stunden, in denen sich der Fahrer erholen soll. „Der Wettbewerb ist hart“, hatte Adalbert Wandt im Vorgespräch gesagt. Vor allem seit der Osterweiterung der EU mit der Konkurrenz aus Polen und Tschechien.
Für die Einhaltung der Gesetze ist das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) zuständig, das im vergangenen Jahr laut Statistik über 630 000 Fahrzeuge kontrollierte. Jedes fünfte wurde beanstandet. In 75 Prozent der Fälle haben die Fahrer die Lenk- und Ruhezeiten nicht eingehalten.
Marcel Cichy fährt meist nur Tagestouren – wie heute nach Schwerin. Hinfahrt, Pause beim Abladen, Rückfahrt: Die Lenkzeiten überschreitet er damit nicht. Ist er doch einmal weiter unterwegs, hält er sich ans Gesetz, sagt er. Die längste Tour war ins Ruhrgebiet. Da hat er hinten auf der Pritsche geschlafen. Hat er ein Traumziel? „Frankreich wäre schön. ´Ne schöne Strecke am Meer.“ Ansonsten gerne Tagestouren. „Die sind durchgeplant“, sagt Marcel. Morgens los, abends wieder daheim, mit Freunden treffen.
Wo bleibt die Freiheit auf der Straße? Truckerromantik – gibt es sie noch? Marcel guckt, als würde er nach den sieben Weltwundern gefragt. „Hmmm...“. Was gefällt ihm an seinem Job? Er sei für sich, habe seine Ruhe, komme viel herum, und es werde nie langweilig, sagt er. „Ich habe Zeit zum Nachdenken.“ Über die berufliche Zukunft zum Beispiel. Im Radio läuft 89.0.
Keine Zeit für Gespräche
Draußen norddeutsche Momente: Trecker auf der Straße, Windräder in der Ebene. Dazwischen politisches Engagement: „Keine A 39“ fordert eine Bürgerinitiative auf einem Aufsteller bei Jastorf. Davor ein kleines Holzkreuz mit Blumen – eines von vielen an diesem Tag.
Gaststätten, die „Waldesruh“ und „Zur Linde“ heißen, säumen die Strecke. Hügeliges Land nun, Fachwerkhäuser, Rehe in den Feldern, Mischwald – der größte Norddeutschlands. „Deswegen fahre ich lieber Landstraße“, sagt Marcel, reckt sein Kinn in Richtung der Bäume, Hügel und Felder, und raucht seine erste Zigarette.
Das Lenken ist Millimeterarbeit. Bei jedem Lkw, der entgegenkommt, bremst er leicht ab. Rechts die Alleebäume, links der Gegenverkehr. Keine Handbreit Platz dazwischen. Das Radio dudelt leise vor sich hin.
„Passiert ist mir noch nichts Schlimmes“, sagt Marcel. Man müsse eben vorausschauend fahren. Er überhole auch keine anderen Lkw. „Bringt eh nichts“, sagt er. Wegen ein paar Sekunden Zeitvorsprung den Verkehr zu gefährden, sei nicht seine Sache. Aber schwarze Schafe gebe es natürlich.
Wieder viel altes, saniertes Fachwerk in Dahlenburg. Marcel zirkelt den 40-Tonner durch enge Kurven. Danach hupen zwei überholende Autos. Offenbar verärgerte Dorfbewohner. „Da sieht man‘s mit der Rücksicht“, sagt er schulterzuckend. Aber er verstehe schon, wenn sich die Leute über so große Lkw in so kleinen Dörfern aufregen. „Die müssen aber auch verstehen, dass wir wirtschaftlich fahren müssen.“ Unruhig wird Marcel nicht wegen solcher kleinen Sticheleien. Adalbert Wandt hatte mir im Vorgespräch tatsächlich Geduld als eine der wichtigsten Eigenschaften des modernen Berufskraftfahrers genannt: „Bis die Fahrer sich mal aufregen, da muss schon viel passieren.“
Die Schilder, die bald Dannenberg ankündigen, sind kaum nötig. Überall gelbe Kreuze, die Symbole für den Widerstand gegen Castortransport und Endlagerung. Gelbe Kreuze an Hauswänden, auf Feldern, in Karwitz ein gelbes Kreuz als Gartentor...
Um 12.20 Uhr steuert Marcel den Truck auf den Hof der Schweriner Schlossbrauerei. Es ist 12.20 Uhr. Kaum steht er, leeren Gabelstapler den Bauch des Aufliegers. 15 Minuten später ist der Auftrag erledigt. Für Gespräche mit den Arbeitern bleibt keine Zeit. Der Kontakt beschränkt sich auf „Wohin?“, „Alles klar“ und „Schönen Tag noch“. Für die Rückfahrt gibt‘s Leergut, doppelstöckig. Marcel erhöht dafür das Dach des Anhängers.
Dann geht es auf demselben Weg zurück. Wieder Landstraße, Autobahn wäre ein Umweg. Graublaue Wolken, tief hängend, drücken auf den Horizont. Die Dörfer sind nicht mehr ganz so schön, die Felder nicht mehr ganz so strahlend.
Dann Regen, Blitz und Donner. Das Radio knistert bei jedem Blitz. Gesprochen wird nicht mehr. Erst als wir in Braunschweig ankommen, beruhigt sich das Wetter.
Es ist 17 Uhr. Marcel koppelt den Auflieger noch ab, erkundigt sich im Büro, was am folgenden Tag ansteht, schiebt seinen Rucksack über die Schulter und geht in den Feierabend.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.