Anzeige

„Warum machen Menschen so etwas?“

Bei der Fortsetzung des Mordprozesses gegen den mutmaßlichen Axtmörder sagten Töchter, Zeugen, Polizisten und Ärzte vor Gericht aus.

Von Marc Wichert, 05.08.2012.

Braunschweig. Im Mordprozess vor dem Landgericht Braunschweig haben nun die Töchter der Braunschweigerin, die vor wenigen Wochen nach dem Axt-Überfall gestorben war, ihr Leben nach der Tat geschildert. Ein Gutachter und weitere Zeugenaussagen brachten zudem neue Aspekte in den Fall.

„Mama, warum machen Menschen so etwas, wenn sie Geld brauchen“, habe die Enkeltochter der Braunschweigerin, die im Februar mit einer Axt erschlagen wurde, gefragt. Dem kleinen Mädchen fehle ihre Oma so sehr, sagte die Tochter der Verstorbenen unter Tränen. „Unser Leben ist kaputt“, sagte die andere Tochter, die im August heiraten will. „Meine Mutter war aufgeregter als ich, hat immer gefragt, ob sie für die Hochzeit irgendwas helfen kann.“ Der Angeklagte hat seinen Kopf gesenkt, im Gerichtsaal ist es still.
Ein aufheulender Motor
Warum macht jemand so etwas? Diese Frage konnte bislang niemand beantworten, aber die Aussagen zweier Zeugen, die an jenem 17. Februar kurz vor und nach der Tatzeit in der Nähe des Tatorts waren, könnten die Umstände des Verbrechens zumindest etwas erhellen.
Es ist etwa Viertel nach fünf, als der erste Zeuge an jenem Tag mit seinem Wagen an der Hamburger Straße hält. In fünf Minuten wollte er seine Frau in Höhe des Pressehauses abholen. Ungewöhnlich, erklärte der Zeuge am zweiten Verhandlungstag vor der 9. Großen Kammer, war, dass im Auto vor ihm, einem Suzuki Swift mit polnischem Kennzeichen, alle paar Sekunden jemand den Motor hochjagte, „bis an den Drehzahlbegrenzer.“
Eine knappe Stunde später fährt ein anderer Zeuge dieselbe Straße stadteinwärts. Es ist schon dunkel, deswegen erkennt er den Mann erst spät, der in Höhe des Pressehauses im Lichtschein seines Wagens auftaucht. Im Laufschritt sei er, ohne auf den Verkehr zu achten, zielstrebig über die Straße gelaufen. „Als wollte er möglicherweise vor etwas weglaufen“, so der Zeuge vor Gericht.
Was in der Zwischenzeit geschah, wurde von Polizei und Rechtsmedizin mittlerweile rekonstruiert.
Die Beute: 100 Euro
Danach war es um kurz nach sechs am Pressehaus zu dem Verbrechen gekommen, dessentwegen nun ein 33-Jähriger vor Gericht steht. Er soll in diesen Minuten zwischen Motorhochjagen und Straßenüberquerung eine 53-jährige Frau von hinten mit einer Axt erschlagen haben. Bereits einen Tag zuvor soll er in Hannover eine Frau auf ihrem Weg zur Arbeit überfallen haben – mit einem stumpfen Gegenstand wurde dabei auf den Kopf der Frau eingeschlagen, sagte der Rechtsmediziner am ersten Verhandlungstag. Die Beute: 100 Euro. Nach der Tat in Hannover, sagte der Angeklagte bereits am ersten Prozesstag, habe er Alkohol getrunken, sei nach Braunschweig gefahren, habe dort weiter getrunken. Nach dem Überfall auf die Frau am Pressehaus habe er Tabletten geschluckt, um zu sterben. Außerdem habe er mit dem Handy des Opfers telefoniert, damit er gefunden werde. Warum er die Taten begangen habe, wisse er nicht mehr: Alles liege im Nebel des Alkohols.
Zwei weitere Aussagen zeichnen ein anderes Bild. „Alles schöne Geschichten“, aber nicht glaubhaft, sagte der Braunschweiger Oberkommissar, der den Angeklagten nach dessen Festnahme einen Tag nach der Tat verhört hatte. Der Angeklagte habe ruhig gewirkt, das Wort Alkohol sei „kein einziges Mal“ gefallen, auch habe er keine Anzeichen einer Alkoholsucht erkennen können. Der 33-Jährige habe viel erzählt, klagte über Hunger. Die „Märchenstunde“ endete schließlich mit dem Geständnis wenige Tage später. „Wir hatten sowieso Erkenntnisse, die ihn belasteten“, sagte der Polizist und meinte damit Handydaten und die unter dem Fahrersitz gefundene Axt.
Der Rechtsmediziner hat schließlich aus dem zweiten Gutachten über die Untersuchung des Braunschweiger Opfers vorgetragen. „Die Länge der Wunde und die Art des Schädelbruchs sprechen dafür, dass mit Gewalt und im Unterschied zu Hannover mit der scharfen Seite zugeschlagen wurde“, erklärte der Gutachter. Der Angeklagte hatte hingegen ausgesagt, nur leicht zugeschlagen zu haben. Zudem führte er aus, dass die Frau noch am Tatort fünfmal reanimiert werden musste. Für Verwirrung sorgte die Aussage eines Arztes aus einer Spezialklinik in Hessisch Oldendorf, in der die Braunschweigerin bis zum 31. Mai gelegen hat. Die Frau sei bei ihrer Verlegung völlig stabil gewesen, sagte er.
Atypisches Geschehen?
Um herauszufinden, warum sie dennoch nur einen Tag später in einem Wolfenbütteler Pflegeheim starb, wurde die Patientenakte beschlagnahmt. Außerdem wurde eine Untersuchung von bereits entnommenem Lungen- und Herzgewebe der Verstorbenen angeordnet. Wenn sich herausstellt, dass die Frau etwa Herzprobleme hatte, somit womöglich nicht hätte verlegt werden dürfen und deswegen gestorben ist, wäre der Tod nicht mehr direkte Folge des Überfalls, sondern wäre aufgrund eines „atypischen Geschehens“, so die Formulierung eines Gerichtsmitarbeiters, gestorben. Dann könnte sich auch das Strafmaß ändern. Nächster Verhandlungstermin ist Mittwoch.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.