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Warum der Herzog kein Held mehr ist

Das Gemälde von J.F. Matthäi (um 1835) stellt den Tod des Schwarzen Herzogs dar. Fotos: A. Pröhle, BLM

Sonderausstellung „Wann ist ein Held ein Held? Der Schwarze Herzog 1815/2015“ wurde im Landesmuseum eröffnet.

Von Martina Jurk, 22. Mai 2015.

Braunschweig. Am Anfang ist auf der einen Seite das Gemälde, das den Tod des Schwarzen Herzogs auf dem Schlachtfeld von Quatre-Bras zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo zeigt. An der Wand gegenüber hängen Bierbüchsen einer Braunschweiger Brauerei mit der Aufschrift „Schwarzer Herzog“. Damit wird das Thema der Sonderausstellung krass und mehr als anschaulich dargestellt: die Auseinandersetzung mit dem Heldenbegriff. Je weiter der Besucher in die Ausstellung vordringt, desto mehr bröckelt das Heldenbild des „Schwarzen Herzogs“ Friedrich Wilhelm.

Die Macher im Landesmuseum haben es sich ganz und gar nicht leicht gemacht mit der historischen Aufarbeitung der Heldentaten des Braunschweigischen Regenten. Im Gegenteil, die Ausstellung setzt sich kritisch mit dem Thema auseinander und greift dabei zu unkonventionellen Mitteln.
„Friedrich Wilhelm ist eine Randfigur der Geschichte, aber für das Landesmuseum eine wichtige Identifikationsfigur“, sagte Museumsdirektorin Heike Pöppelmann. Braunschweiger Bürger initiierten im Juni 1890 die Sonderausstellung “Vaterländische Erinnerungen“ aus Anlass der 75-jährigen Erinnerung an die Ereignisse von Quatre-Bras und Waterloo. Die damalige Ausstellung war so erfolgreich, dass ein Jahr später das Vaterländische Museum, heute Braunschweigisches Landesmuseum, gegründet wurde. Zahlreiche Objekte, die Leben und Wirken des Schwarzen Herzogs dokumentieren, zählen zu den bedeutendsten Beständen des Landesmuseums.
Den Sinn eines Museums erfüllend sind deshalb alle Beteiligten stolz, 250 wertvolle Stücke, darunter auch Leihgaben, in der Ausstellung zeigen zu können. Insgesamt seien es 8850 Objekte, davon steckten allein 8600 auf einem Tabletop, auf dem die Schlacht bei Quatre-Bras detailliert nachgestellt wird, erklärte Pöppelmann. „Kleidungsstücke von Friedrich Wilhelm sind zu sehen, die aufwendig neu bearbeitet wurden. So die Uniformweste, an der das zugenähte Einschussloch wieder geöffnet wurde“, erläuterte Historiker Ole Zimmermann.
Die Ausstellung ist in drei Teile gegliedert: die sachliche Auseinandersetzung mit der Person Friedrich Wilhelm, die Heroisierung des bis Anfang des 20. Jahrhunderts als Freiheitshelden verehrten Schwarzen Herzogs und die Suche nach Gründen für die Wandlung des Heldenbildes bis in die heutige Gegenwart. „Die Auseinandersetzung mit dem Heldenbegriff spiegelt sich in den Objekten wider“, so die Museumsdirektorin. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts sei der Schwarze Herzog aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit geraten.
Für die Ausstellung arbeitete das Museum mit Studenten der Ostfalia Hochschule zusammen. Sie suchten nach Spuren des Herzogs, fragten Menschen auf der Straße nach Friedrich Wilhelm und wer heute ihre Helden sind.
„Der Begriff Held wird heute inflationär verwendet. Wir reden von Alltagshelden, dem Helden irgendeiner Stadt, eines Ortes, von Fußballhelden, vom Helden im Leben eines anderen. Doch sie haben eine kurze Halbwertzeit“, meint Museumspädagoge Torsten Poschmann.
Im Forum des Museums zeigt das Graffiti „Are there heroes in war?!“ von Abor und Druk auf einer Größe von sieben mal fünf Metern einen speziellen Blick junger Menschen auf das Thema.
Die Ausstellung wird sehr effektvoll präsentiert: schwarze Uniformen vor anthrazitfarbenem Hintergrund.

HINTERGRUND

Geboren wurde Friedrich Wilhelm 1771 als vierter Sohn des regierenden Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand. 1806 wurde er Regent des Fürstentums Braunschweig – zumindest auf dem Papier. Denn das Fürstentum war von Napoleon inzwischen dem neu gegründeten Königreich Westphalen zugeschlagen worden. Im Jahr 1809 legte er mit dem Zug seines Freikorps an Braunschweig vorbei bis zur Nordseeküste den Grundstein für seine spätere Verehrung als Freiheitsheld. Die 2000 Soldaten des Freikorps trugen schwarze Uniformen und ein Totenkopf-Emblem am Tschako, der damals weit verbreiteten Kopfbedeckung unter den Soldaten – die Uniformierung, die ihren Ruf als „Schwarze Schar“ manifestierte. Als Napoleon 1815 aus seinem Exil auf Elba zurückkehrte, zog Friedrich Wilhelm an der Seite der europäischen Großmächte mit seinen braunschweigischen Truppen in den Kampf und fiel, zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo, am 16. Juni 1815 in der Schlacht von Quatre-Bras.

SERVICE

Öffnungszeiten: Zu sehen ist die Ausstellung bis 18. Oktober Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, jeden ersten Dienstag im Monat 10 bis 20 Uhr, Montag geschlossen. Führungen: jeweils sonntags um 14 Uhr (drei Euro zuzüglich Eintritt).
Podiumsdiskussion: 16. Juli, 19 Uhr „Erinnerungskultur“ mit Dr. Joachim Baur und Professor Dr. Gerd Biegel. Infos: www.landesmuseum-braunschweig.de
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