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Von wegen alt und angestaubt

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Stellten den „Tag der Tracht“ vorab vor (v.l.): Klaus-Peter Bachmann (Vizepräsident des niedersächsischen Landtags), Beate Riesner (Volks- und Trachtengruppe Bortfeld), Manuela Kretschmer (Niedersächsischer Landestrachtenverband), Ilka Kobel (Trachtengruppe Lindhorst) und Michael Kablitz (Niedersächsischer Landestrachtenverband). Foto: Wiefel

Zum ersten Mal findet der niedersächsische „Tag der Tracht“ in Braunschweig statt.

Von Birgit Wiefel, 10. Oktober 2017

Braunschweig. Fast eine Stunde braucht Ilka Kobel, um Röcke, Unterröcke, Spitzenkragen, Haube und Schmuck anzulegen. Ihre Tracht aus Schaumburg-Lippe zählt mit zu dem Prächtigsten was Niedersachsen zu bieten hat und will sagen: „Seht her, ich bin die Frau eines reichen Bauers.“ Das opulente Kleid ist nur ein Beispiel dafür, was es am „Tag der Tracht“ am kommenden Sonntag (15. Oktober) alles zu entdecken gibt.

Zum ersten Mal veranstaltet der Niedersächsische Landestrachtenverband den bundesweiten Tag in Braunschweig – und erst zum zweiten Mal überhaupt. Zwischen zehn und 17 Uhr erwarten die Besucher neben einer Ausstellung im Schlossmuseum auch ein prächtiger Brautzug in den Schloss-Arkaden, Tänze im Städtischen Museum und Podiumsgespräche im Roten Saal. „Der Tag der Tracht soll mehr als nur bunt sein“, betont die Verbandsvorsitzende Manuela Kretschmer.
Dass er überhaupt in Braunschweig stattfinden konnte, ist ihrem langem Atem und der Überzeugungsfähigkeit von Klaus-Dieter Bachmann, Vizepräsident des niedersächsischen Landtages, zu verdanken, der sich mit großer Energie dafür einsetzte, das Spektakel „in die zweitgrößte Stadt Niedersachsens zu holen.“ Schon die erste Ausgabe im Kloster Loccum im vergangenen Jahr hatte Bachmann beeindruckt. „Das Land und die Regionen auf diese Weise zu präsentieren – das war für mich neu und fantastisch zugleich.“
Die Stadt zögerte trotzdem. „Trachten – gibt es die hier überhaupt?“, kam es von der Verwaltung. Es gibt sie, bewies Manuela Kretschmer und bekam schließlich grünes Licht.
„Den Tag der Tracht in einer Stadt zu veranstalten birgt Chancen und Risiken zugleich“, weiß sie. Städte wollten modern sein, digital, in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit gewandt. „Doch seine Wurzeln zu kennen, ist wichtig, um zu wissen, wo man steht, woher man kommt“, ist Kretschmer überzeugt.
Und so erleben die Besucher am Sonntag keinen folkloristischen Oktoberfest-Abklatsch, sondern hautnah Geschichte. Bis ins kleinste Detail sind die Trachten den Originalen aus dem 18. und 19. Jahrhundert nachempfunden. Die Bortfelder Tracht wurde sogar noch nach dem Krieg auf den Märkten in Braunschweig getragen und galt als „Qualitätsgarantie“. „Kunden konnten sicher sein, dass Gemüse und Obst aus der Region kamen und frisch waren“, erzählt Beate Riesner von der Volkstanz- und Trachtengruppe Bortfeld.
Darüber hinaus erklärt Textilrestauratorin Julia Zitzmann im Roten Saal, wie originale Trachten erhalten werden, eine Gewandmeisterin und ein Jaquard-Weber zeigen auf einem kleinen Markt in den Schloss-Arkaden, aus welchen Stoffen die Kleider damals gefertigt wurden. Und eine Podiumsdiskussion im Roten Saal dreht sich um die Frage „Tracht oder Folklore – historisch gewandet oder kostümiert?“. „In dieser Zeit werden Trachten und Tradition leider politisch missbraucht“, sagt Kretschmer mit Blick auf den rechten Parteienrand. Der Landestrachtenverband will den „Tag der Tracht“ auch dazu nutzen, sich davon zu distanzieren und seine Arbeit bekannter zu machen.

PROGRAMM
10 Uhr St. Magni Kirche: Gottesdienst
11 Uhr Schlossarkaden: offizielle Eröffnung
12 Uhr Schlossarkaden/Städtisches Museum: Beginn des Rahmenprogramms
12.30 Uhr Schlossarkaden: Brautzug. Die „Original Scheeßeler“ zeigen die Kleidung einer Hochzeit um 1850.
13 Uhr Schlossmuseum: Führung durch die Sonderausstellung „Brautkronen und Kränze“
14 Uhr Roter Saal: Kurzreferate „Restaurierung einer Mütze aus dem Osnabrücker Land“, „15 Jahre Teilnahme des Landestrachtenverbands am größten deutschen Trachtenmarkt in Greding (Altmühltal)“
14.30 Uhr Roter Saal: Podiumsdiskussion „Tracht oder Folklore – historisch gewandet oder kostümiert?“
16 Uhr Schlossarkaden: Vorstellung der Hochzeitstrachten im Kirchspiel Scheeßel
Außerdem ganztägig: Tanzauftritte und offenes Tanzen in den Schloss-Arkaden und im Städtischen Museum, „Trachtenmesse“.
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