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Von der „Fremden“ zur „Landfrau des Jahres“

Parvin Hemmecke-Otte in ihrer Tannenbaum-Plantage am Ortsrand von Bienrode. Das Schlagen kurz vor Weihnachten ist immer ein Fest für die ganze Familie. Fotos: Thomas Ammerpohl

Die Iranerin Parvin Hemmecke-Otte kam als 19-Jährige nach Deutschland – Durch den Landfrauenverband schlug sie endlich Wurzeln.

Von Birgit Leute, 30.03.2014.

Braunschweig. Diese nagenden Zweifel. „Warum hast du dir das angetan?“, fragte sich Parvin Hemmecke-Otte in den ersten Wochen immer wieder. Es brauchte, bis die gebürtige Iranerin im beschaulichen Bienrode ankam. Inzwischen wurde sie sogar zur „Landfrau des Jahres“ gewählt.

Der elegante Hosenanzug täuscht: Parvin Hemmecke-Otte ist durch und durch Landwirtin und stiefelt beim Termin burschikos zu ihrer Tannenbaumplantage am Ortsrand von Bienrode. „Die werden im kommenden Winter geschlagen“, zeigt sie auf ein paar Blautannen. Gemeinsam mit ihrem Mann pflanzt sie Weihnachtsbäume an und betreibt Ackerbau. „Landwirtschaft kenne ich von zu Hause: Meine Eltern bauten Pistazien an“, erzählt die 54-Jährige von ihrer Jugend in Kerman, einer Stadt rund tausend Kilometer von Teheran entfernt.
Hemmecke-Otte ist nicht die typische Gastarbeiterin. Sie kam nicht aus wirtschaftlicher Not nach Deutschland, sondern auf der Suche nach Sicherheit. „Als 1980 die iranische Revolution ausbrach, hatten meine Eltern Angst um mich. Eigentlich sollte ich internationale Agrarwirtschaft in Teheran studieren, doch niemand wusste, was Chomeini mit seiner Kulturrevolution alles plante“, erinnert sich die Perserin. So wurde Hemmecke-Otte zu ihrem Bruder nach Kassel geschickt – Eine 19-Jährige, die weder die Sprache noch das Land kannte.
Nur durch ihren Ehrgeiz überwand die junge Parvin den „Kulturschock“. Sie lernte, dass die Zurückhaltung der Leute nicht unbedingt etwas mit Ablehnung zu tun hat, lernte, dass Pünktlichkeit wichtig ist und: sie lernte die Sprache. Wann immer sie konnte, redete sie Deutsch – „Eine schrecklich komplizierte Sprache“ – und sei es mit dem Straßenbahnfahrer. Am Studien-Kolleg holte sie das deutsche Abitur nach und begann später Agrarwissenschaften zu studieren.
„Iraner sind ehrgeizig“
„Iraner sind ehrgeizig“, sagt sie über ihr Volk. Erfolg zu haben, sei wichtig in ihrem Land. „Eltern legen deshalb viel wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder. Wenn möglich sollen sie studieren, um eine gute Position zu erlangen“, erzählt Hemmecke-Otte über eine Kultur, die ihr rückblickend ganz sicher geholfen hat, in Deutschland Fuß zu fassen. Auf der Uni lernte sie auch ihren späteren Mann kennen – ebenfalls Landwirt – und zog mit ihm von Kassel nach Bienrode. Natürlich fiel die dunkelhaarige Perserin in dem beschaulichen Braunschweiger Stadtteil sofort auf. Schlimmer aber noch war die Einsamkeit. „Mein Mann war oft unterwegs. Ich saß dann zu Hause und hatte niemanden, mit dem ich reden konnte“, sagt Hemmecke-Otte. Über ihre Schwiegermutter kam sie in den Landfrauenverband – und wurde gleich zur Ortsvertrauensfrau für Bienrode ernannt, 15 Jahre später sogar zur Vorsitzenden des Kreisverbandes Braunschweig. Seit 2002 hat sie den Posten inne. Kürzlich wurde sie für weitere vier Jahre wiedergewählt. 2012 wurde sie sogar zur „Landfrau des Jahres“ ernannt. Der Verband war für Hemmecke-Otte eine Chance, in Deutschland anzukommen.
„Eins habe ich gelernt: Als Migrant musst du auf die Leute zugehen. Ich habe mich der fremden Kultur geöffnet und wurde durch die Landfrauen in jeder Beziehung unterstützt. Auch Dank ihnen konnte ich hier Wurzeln schlagen.“

Steckbrief

Parvin Hemmecke-Otte wurde 1960 im Iran geboren. Die Landwirtin ist verheiratet und zog vor 34 Jahren nach Deutschland. Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie eine Tannenbaumzucht und Ackerbau in Bienrode.
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