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Vollkasko im Krankenhaus

Professor Dr. Horst Kierdorf. Foto: Ammerpohl

Wartezeiten in der Notaufnahme – Gespräch mit Professor Dr. Horst Kierdorf.

15. August 2014. Von Ingeborg Obi-Preuß.

Braunschweig. Wartezeiten in der Notaufnahme. Schwierige Situation für Ärzte, Pflegepersonal und Patienten. Es wird besser.

Mehr als 27 800 Aufnahmen im Jahr 2013 in der ambulanten Erstversorgung am Klinikum Salzdahlumer Straße. Das sind 2401 Patienten mehr als noch ein Jahr zuvor.
Stetiger Zuwachs – im Schnitt fünf bis zehn Prozent jährlich – in den Notaufnahmen ist kein Braunschweiger Phänomen, sondern ein Thema für fast alle großen Kliniken. Das hat verschiedene Ursachen, unter anderem auch eine zunehmende „Vollkasko-Mentalität“. Es gibt regelrechte „Stoßzeiten“, die für alle Beteiligten zur Geduldsprobe werden.
Aber – Besserung ist in Sicht: Ab 2015 wird der ambulante Bereitschaftsdienst von der Petristraße an das Klinikum Salzdahlumer Straße verlegt. Professor Dr. Horst Kierdorf, Ärztlicher Direktor, erwartet dadurch eine deutliche Entlastung für alle.
Wir sprachen mit ihm über die aktuelle Situation der Notfall-Ambulanz.

Für den Notfall rund um die Uhr

„Wir verwalten heute den Notstand“, sagt die Schwester in der Notaufnahme an der Salzdahlumer Straße und kümmert sich um den nächsten Patienten. „Ja, zu bestimmten Zeiten ist das ganz eindeutig so“, bestätigt Professor Dr. Horst Kierdorf, Ärztlicher Direktor des Klinikums.
„Vier Stunden musste ich warten, bis ich wusste, ob und auf welche Station ich komme“, wird die Patientin später sagen. Eine Situation, die immer wieder zu schwierigen Begegnungen zwischen Patienten, Angehörigen und Personal führt.
„Wir haben jedes Jahr einen Zuwachs von fünf bis zehn Prozent in der Notaufnahme“, sagt Kierdorf. Allein im Jahr 2013 kamen 2400 Menschen mehr als noch ein Jahr zuvor. Ein Phänomen, das an vielen großen Kliniken zu beobachten sei.
Vor allem Menschen mit Bagatellfällen würden häufig die Versorgung in einer Notaufnahme wählen. Mitunter auch, weil es einfach bequemer ist: „Ich will mich impfen lassen, habe aber tagsüber keine Zeit dafür“ – ist nur eine der Situationen, dem das Aufnahmeteam gegenübersteht. Und zwar rund um die Uhr an jedem Tag im Jahr.
„Wir haben auf diese veränderten Anforderungen reagiert“, erklärt Kierdorf. Gab es im Jahr 2006 noch 6,41 Ärztestellen in der Notaufnahme, sind es aktuell 10. Neben dem leitenden Abteilungsarzt stellen zwei Oberärzte die Fachpräsenz sicher. Auch die Pflegekräfte sind verstärkt worden, von 19,95 in 2006 auf 24.
In diesem Jahr hat es mit der Einführung des sogenannten Triage-Verfahrens eine weitere Veränderung gegeben, verbunden mit zusätzlichen 3,5 Stellen. „Das neue Verfahren bedeutet vor allem, dass die Patienten nach Dringlichkeit behandelt werden“, erklärt der Ärztliche Direktor. Ein Mitarbeiter unterteilt die Menschen gleich bei ihrer Ankunft in Fälle: A, B, C (siehe auch Kasten).
Kategorie A – beispielsweise ein Herzinfarkt oder Schlaganfall – muss sofort zum Arzt, Kategorie B innerhalb der nächsten 30 Minuten, Kategorie C kann – beziehungsweise muss – mitunter warten.
„Es gibt Tage, da werden 15 Patienten der Kategorie A innerhalb einer Stunde eingeliefert“, beschreibt Kierdorf den Alltag. Für alle leichteren Fälle bedeutet das dann warten, warten, warten.
Mit den klassischen Begleiterscheinungen. Die Patienten und auch die Angehörigen sind häufig unruhig, ängstlich, manche vergreifen sich im Ton. „Es gibt für unsere Teams regelmäßiges Deeskalationstrainig“, erklärt Kierdorf. Der Versuch, Konflikte und Zusammenstöße zu vermeiden. Meistens gelingt das auch.
„Ab 2015 wird die ambulante Erstversorgung neu geregelt“, sagt Kierdorf. Der ärztliche Bereitschaftsdienst, bisher an der Petrikirche, wird direkt an die Notfallaufnahme an der Salzdahlumer Straße verlegt. Kierdorf erwartet eine deutliche Entspannung der Lage.
Die ist auch nötig, denn seine Mitarbeiter arbeiten zeitweise an ihren Grenzen und darüber hinaus. Glücklicherweise hat das Klinikum noch keine Nachwuchssorgen. „Wir haben bereits 2008 für das gesamte Klinikum neue Arbeitszeitmodelle eingeführt“, erklärt er, „das ist inzwischen ein ganz wesentlicher Standortfaktor.“ Die legendären Schichten, die die Assistenzärzte schieben mussten, gehören damit der Vergangenheit an. „25 neue Arztstellen mussten wir dafür neu einrichten“, blickt Kierdorf zurück. Lange hat er über diesen Schritt mit Geschäftsführer Helmut Schüttig gebrütet. „Immerhin haben wir auch das Gebot der Wirtschaftlichkeit“, sagt er.
Heute sind alle Beteiligten froh, dass sie es gewagt haben. „Wir wollten vor allem auch ein anderes Klima an unserer Klinik“, sagt Kierdorf. Weg von überarbeiteten Ärzten und dadurch genervten Schwestern. „Es geht heute nur noch im Team“, ist er überzeugt. Auch wenn er ab und an einen Kollegen daran erinnern muss, insgesamt habe sich die Krankenhausarbeitswelt wesentlich verbessert.
Zumal rund 60 Prozent der neuen Ärzte weiblich sind. „Das Thema Arbeitszeiten steht dadurch sehr weit vorn in Vorstellungsgesprächen“, weiß Kierdorf. Gerade ist für die Notaufnahme eine neue Ärztin eingestellt worden. Halbtags.
Und für das Pflegepersonal ist fast jede Arbeitszeitregelung möglich. Allerdings auch nötig, denn die Fachleute müssen rund um die Uhr im Einsatz sein.

FAKTEN

Triage: Die Patienten werden nicht unbedingt in der Reihenfolge ihres Eintreffens, sondern nach Dringlichkeit behandelt. Die richtige Einschätzung der Patienten (Triage) ist daher eine sehr wichtige Maßnahme in der Notaufnahme. Dazu werden von jedem Patienten die Vitalparameter (Blutdruck, Puls, Atemfrequenz) und oft auch zusätzliche Werte wie die Sauerstoffsättigung oder die Herzfrequenz gemessen bzw. bereits vorliegende Messdaten und Angaben des Rettungsdienstpersonals berücksichtigt. Die Dringlichkeit der Behandlung kann dann anhand von Flussdiagrammen und Checklisten bereits vom Pflegepersonal eingeschätzt werden
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