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Viele Aufträge, kein Personal

Bei allen Personalproblemen: Auf ihre Mitarbeiterin Anna Yasit-Pleszok (r.) lässt Chefin Iris Martina Pagel nichts kommen. Ohne sie wäre sie vollkommen aufgeschmissen. Foto: T.A.
 
Hinter der Eingangstür stapeln sich die Säcke mit Wäsche. Den hungrigen Waschmaschinen geht das Futter nicht aus. Foto: T.A.

Eine Unternehmerin in der Zwickmühle.

Von Marion Korth, 17.06.2015.

Braunschweig. „Die kleine Wäscherei“ ist ganz groß im Geschäft, fragt sich nur, wie lange noch. Chefin Iris Martina Pagel wächst die Arbeit über den Kopf, sie findet einfach kein Personal.

„Im Einzelhandel gibt es nicht viel Spielraum nach oben“, sagt Stefan Freydank, Pressesprecher der Agentur für Arbeit. Und das gelte für viele Branchen. Selbst Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern mehr zahlen möchten, dürfen ihre Marktfähigkeit nicht aufs Spiel setzen, weil ihre Waren und Dienstleistungen durch zu hohe Ausgaben zu teuer werden. Ein Teufelskreis. Ein paar Betriebe wollen ihn durchbrechen – mit besonderen Arbeitszeitmodellen, besonders nettem Arbeitsumfeld oder Arbeitsklima. Im Wettlauf um Fachkräfte seien es die Zeitarbeitsfirmen, die teilweise mit besonders guten Verdienstmöglichkeiten locken, weiß Freydank. Einen Betrieb, der wegen Mitarbeitermangel schließen musste, den gab es noch nicht. Aber in der Wäscherei herrscht Krisenstimmung.

Vielleicht kein Traumjob. „Aber auch keine schlimme Arbeit“, meint Iris Martina Pagel. „Die kleine Wäscherei“, so heißt ihr Betrieb in den Beckenwerker Straße. Die Chefin pendelt zwischen Schreibtisch und Heißmangel. Sie macht die Arbeit, die liegen bleibt, weil das Personal fehlt.
Von fünf Mitarbeiterinnen ist ihr seit Januar eine geblieben. „Wie sich das anhört“, sagt sie, aber es handele sich keineswegs um eine Massenflucht, sondern um ganz natürliche Veränderungen, wegen der Familie, wegen eines Umzugs. Ersatz hat sie nicht gefunden, dabei liegt auf ihrem Schreibtisch ein ganzer Stapel von Schreiben des Jobcenters und der Agentur für Arbeit. Von den angekündigten Bewerbern der vergangenen Woche sei kein einziger gekommen.

Die letzte Praktikantin war nach einem Tag wieder weg. Iris Martina Pagel hat genaue Vorstellungen, wie ein möglicher Mitarbeiter zu sein hat. Vielleicht zu genaue. Aber das „Wäsche sprengen“ nichts mit Sprengstoff, sondern feiner Befeuchtung zu tun hat, das sollte er verstehen. 8,50 Euro beträgt der Anfangsstundenlohn, zwölf Euro erhalten gute Kräfte. Zu wenig Geld für diese Arbeit? „Es kommt ja nicht einmal so weit, dass man überhaupt zu Gehaltsverhandlungen kommt“, sagt die Unternehmerin aufgebracht. Mögliche Interessenten drehen schon vorher ab, weil sie Heuschnupfen haben oder das T-Shirt anders gebügelt haben möchten als die Chefin. Der wäre es mittlerweile fast schon egal, was sie zahlen müsste, Hauptsache, da wäre jemand mit Fleiß und Einsatz bei der Sache. Das behauptet sie jedenfalls. Ihre Wäscherei sieht sie letztendlich nur als ein Beispiel für all die vielen Geschäfte und Restaurants, die keine Leute mehr finden.

„Die kleine Wäscherei“ könnte noch wachsen, die Auftragslage ist super. Namhafte Restaurants, die großen Hotels der Stadt, VW- und Milleniumhalle – alles Kunden von Iris Martina Pagel. „Aber jetzt bin ich sozusagen arbeitsunfähig, ich kann keine Aufträge mehr annehmen“, sagt sie. Auch nicht für Hochzeiten und Feste, die sie komplett mit Tischwäsche und Geschirr ausstattet. Seit Januar läuft der Betrieb im Ausnahmezustand, Freundinnen helfen, wo sie können. Iris Martina Pagel hat sich ein Sofa aufstellen lassen und verbringt manche Nacht in ihrem Betrieb, wenn es abends wieder einmal, wie so oft, zu spät geworden ist. Sieben Tage die Woche, bis zu 14 Stunden am Tag hält sie den guten Ruf ihres Unternehmens aufrecht, mangelt, bügelt, stellt Waschmaschinen an und verhandelt mit Kunden.

Wies es weitergehen soll, weiß sie nicht, so jedenfalls nicht.

Offene Stellen

Im Mai wies die Statistik allein mehr als 100 offene Stellen im Verkauf auf (ohne Lebensmittelhandel). Die Ansiedlung eines großen Textildiscounters (die Rede ist von Primark) habe viele neue Stellen gebracht. „Und eine abgeschlossene Ausbildung war keine Voraussetzung“, sagt Stefan Freydank von der Agentur für Arbeit. So etwas belebt den Arbeitsmarkt und macht es Geschäften – wie der Wäscherei im Beispiel – schwerer, Arbeitskräfte zu finden.

In der Gastronomie seien die Arbeitszeiten die Herausforderung, in einer Wäscherei die körperliche Beanspruchung, auch die Hitze im Sommer. Mit Praktika soll versucht werden, die richtigen Bewerber mit dem richtigen Betrieb zusammenzubringen. Die Abbrecherquote sei jedoch hoch, räumt Freydank ein. „Aber wir können niemanden zwingen“, sagt er.

Vielen Handwerkern gehe es genauso, die ihre Mitarbeiter an die Industrie verlieren. Zum Teil wird die Lösung im Betrieb gesucht, zum Beispiel durch gezielte Qualifizierung. Auch gebe es einen Arbeitgeberservice mit persönlichem Ansprechpartner, zaubern kann der allerdings auch nicht. mak
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