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Verstrickt in die „nationale Bewegung“

TH in der Nazizeit: Daniel Weßelhöft stellte seinen Band „Von fleißigen Mitmachern, Aktivisten und Tätern“ vor.

Von André Pause, 28.03.2012.

Braunschweig. „Von fleißigen Mitmachern, Aktivisten und Tätern“ heißt die soeben öffentlich vorgestellte Publikation des Historikers Daniel Weßelhöft, die die Technische Hochschule Braunschweig (TH) im Nationalsozialismus anhand von 72 Kurzbiografien beleuchtet.

Wie war die TH in dieser Zeit aufgestellt? Wer waren ihre nationalsozialistischen Entscheidungsträger und wie haben sie die damalige Hochschulpolitik bestimmt? Wie braun war die Institution wirklich? Antworten auf diese Fragen liefert das 436 Seiten starke Buch, dessen konzentrierten Inhalt Weßelhöft im Rahmen der Präsentation in der TU-Bibliothek anschaulich vorträgt.
Ganz so einfach ließen sich die fleißigen Mitmacher, Aktivisten und Täter nicht von Mitläufern abgrenzen. „Wie eine Parteimitgliedschaft Menschen nicht automatisch zu überzeugten Nationalsozialisten machte, konnten Nichtmitglieder wiederum glühende Anhänger der Idee sein“, beschreibt der Wissenschaftler im Vortrag. Die Identifikation der Opfer war da sicherlich einfacher. Dieser anderen Seite der Medaille hat sich der Verfasser des aktuellen Bandes gemeinsam mit Michael Wettern bereits 2010 gewidmet.
„Ein Opferbuch ist relativ unkompliziert und ungefährlich, weil das Aufrechterhalten von Gedenken immer eine gute Sache ist. Das wird von allen anerkannt. Bei dem Täterbuch besteht die Gefahr, dass Nachfolger, Schüler oder Familie etwas anders sehen, als ich das gesehen habe. Da alles gut recherchiert ist, habe ich aber auch keine Probleme und kann mich auf Augenhöhe unterhalten, wenn jemand sagt: Mein Vater, Großvater oder Lehrer war aber gar kein Nazi“, erzählt Weßelhöft. Im Entstehungsprozess zum Buch „Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Technischen Hochschule von 1930 bis 1945“ reifte in ihm schließlich die Idee, sich im Anschluss auch mit der Täterseite auseinanderzusetzen. „Während der Arbeit zum ersten Band kamen immer mehr Täternamen auf, Namen, die man vorher nie gehört hat, von Menschen, die aber sehr verstrickt waren. Darauf sagte der Archivbeirat, in dessen Auftrag der erste Band entstanden ist: Dann hängen wir doch noch ein Projekt dran und behandeln auch die Täter.“ Mit diesem Buch wird nun deutlich: Die Legende der während der nationalsozialistischen Herrschaft vollkommen unpolitischen, der reinen Wissenschaft dienenden Hochschule, lässt sich nicht aufrechterhalten. Bereits 1933 mit der Ernennung des Nationalsozialisten Paul Horrmann zum Rektor, stellte sich die neue Hochschulleitung laut Weßelhöft „vorbehaltlos hinter die Regierung der nationalen Erhebung.“ Der Wissenschaftler skizziert, wie sich zahlreiche weitere Hochschullehrer, Assistenten sowie Arbeiter und Angestellte bis 1945 als gute Nationalsozialisten bewährten und sich dadurch von der schweigenden Mehrheit abhoben. Auch wenn die freiwillige Gleichschaltung der Hochschule keinen Einzelfall darstelle, sei die große Zahl der in den Nationalsozialismus verwickelten Personen in Braunschweig für ihn ein Aha-Erlebnis gewesen. „Dass es sehr viele Parteimitglieder gab, das war mir schon vorher klar. Wie viele dann aber wirklich aktiv waren, hat mich doch sehr überrascht. Obwohl ich gnadenlos ausgesiebt habe, sind es dieses Mal 72 Biografien. Das sind definitiv Leute, die keine Mitläufer gewesen sind. Im Opferbuch waren es nur 51.“ Dass nationalsozialistisches Gedankengut tief im Hochschulbetrieb verankert war, belegt auch eine andere Zahl: „50 Prozent der Leute wurden nach dem Krieg entlassen“, so Weßelhöft. An anderen Hochschulen war weit weniger Personal nationalsozialistisch vorbelastet.
Offen bleibt mit diesem Buch, inwiefern sich die einzelnen Fachwissenschaften in den Nationalsozialismus haben verstricken lassen. Das müssten Fachhistoriker übernehmen, die sich sowohl als Historiker mit der Materie als auch mit dem Fach auskennen, meint der Autor. Nur sie könnten beurteilen, inwiefern es Handlungsalternativen gab.
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