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Verheerendes Urteil: Nicht ausbildungsreif

Handwerks-Innungen haben Probleme, Lehrstellen zu besetzen.

Von Martina Jurk, 14.11.2012.

Braunschweig. Immer mehr Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt – für Detlef Wolff, Geschäftsführer der R. Pape GmbH, inzwischen Alltag. „In keinster Weise geeignet“, fällt er ein hartes Urteil über die Azubis.

Sieben Auszubildende hat er in diesem Jahr eingestellt, zwei von ihnen musste er bereits wieder nach Hause schicken. Das Unternehmen der Elektro- und Fernmeldetechnik bildet als Einziges in Braunschweig Energie- und Gebäudetechniker sowie Informations- und Telekommunikationstechniker aus. Eigentlich könnten 19 Stellen besetzt werden. Die Firma geht in die Offensive. Auf ihren Fahrzeugen prangt in großen Lettern: „Ausbildungsplätze frei!“
209 von insgesamt 4147 gemeldeten Ausbildungsstellen in diesem Jahr konnten aktuell noch nicht besetzt werden – 50 Prozent mehr als im Vorjahr, bilanzierte jetzt die Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar. Detlef Wolff sieht als Grund mangelnde Ausbildungsreife. Nicht nur er sehe das so, sondern die ganze Innung für Elektrotechnik in Braunschweig, zu der immerhin 58 Betriebe gehören. Der Geschäftsführer der R. Pape GmbH und Vorstandsmitglied der Innung weiß, dass andere Handwerks-Innungen mit denselben Problemen zu kämpfen haben.
Woran liegt es, dass Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können? Mangelnde Allgemeinbildung sei ein Manko vieler Bewerber, sagt Detlef Wolff. Mindestens die Note drei in den naturwissenschaftlichen Fächern sollten sie haben. Wenn es in Deutsch oder Geschichte hapert, das ist für uns nicht so entscheidend“, meint Wolff. Die meisten Bewerber hätten keinerlei Vorkenntnisse, kein handwerkliches Gespür. Von handwerklicher Ehre könne gar keine Rede mehr sein.
Fehlende Lernbereitschaft, Umgangsformen sowie fehlender Umgang mit fremdem Eigentum seien weitere negative Eigenschaften. „Wir fangen an, den Auszubildenden das Guten-Tag-Sagen beizubringen oder wie man sich beim Kunden verhält. Das sind die einfachsten Umgangsformen.“ Was Detlef Wolff am meisten ärgert, ist die Interessenlosigkeit, die einige der Azubis an den Tag legen würden. Er sieht das als gesamtgesellschaftliches Problem, das im Elternhaus beginne und sich über Kindergarten und Schule fortsetze. „Wir können nicht ausbügeln, was in dieser Zeit versäumt wurde.“ Deutliche Worte, die nicht jeder bereit sei, auch offen auszusprechen.
Auch die Industrie- und Handelskammern bestätigen, dass viele Schulabgänger zu Beginn der Ausbildung noch deutliche Schwächen zeigen würden. Vor allem Mängel in den Bereichen Ausdrucksvermögen (56 Prozent), elementare Rechenfertigkeiten (51 Prozent) sowie Leistungsbereitschaft und Motivation (50 Prozent) würden von den Ausbildungsverantwortlichen beklagt.
Wie Ausbildungsbetriebe aus dieser Misere herauskommen, ist Detlef Wolff noch nicht klar. „Wir müssen etwas tun, sonst stehen wir irgendwann ohne Facharbeiter da“, prophezeit er. Resignation? „Nein, würden wir das tun, würden wir gar nicht mehr ausbilden“, macht der Geschäftsführer deutlich. Regelmäßige Treffen mit der Berufsschule, ein Computer-Schulungsprogramm, Praktika für Bewerber seien Ansätze, etwas zu unternehmen. 2013 soll über die Innung eine Task-Force eingerichtet werden. „Die Innungsverbände Braunschweig und des Landes suchen krampfhaft nach Lösungen“, betont Wolff. Langfristig sieht er einen Silberstreif am Horizont. Denn es gibt auch die Azubis, die wollen, die motiviert sind. „Wer gut ist, wird auch gut bleiben und immer Arbeit haben“, ist Wolff überzeugt. Schade nur, dass die in den seltensten Fällen im Unternehmen bleiben. „Die gehen weiter, machen ein Studium oder sitzen in ein paar Jahren im Innungsvorstand neben mir.“
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