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Unheilig: Jahre des Zweifelns sind vorbei

Mehr als 8000 Menschen feiern den Grafen und seine Band in der VW-Halle – Im nB-Gespräch erzählt der Leadsänger aus seinem Leben

Von Ingeborg Obi-Preuß, 12.12.2010

Braunschweig. Das hat bislang noch keiner gebracht: „Leise rieselt der Schnee“ – der Graf rollt mit voluminösem Bass das gefühlige Weihnachtslied durch die VW-Halle und mehr als 8000 Menschen stimmen ein, „…freue dich, Christkind kommt bald.“

Da sind wir hart am Kitsch. Ein Dauervorwurf, seit „Unheilig“ den großen kommerziellen Erfolg verbuchen kann. Und das sind erst wenige Monate.
An diesem Abend aber kriegen Kritiker keinen Fuß in die Tür, hier sind echte Fans am Start. „Zwischen acht und achtzig“, beschreibt der Graf (er möchte nur mit diesem Namen angesprochen werden) die Altersstruktur seiner Besucher. Achtzigjährige sind kaum zu sehen, aber jede Menge Achtjährige. Ein Familienblock ist eingerichtet, um die Kids aus dem dicksten Gewühl zu nehmen, ein Kinder-Tattoo-Stand, eine kleine Bühne zum Üben, Knete und mehr – für die jüngsten Fans ist gesorgt, um die Zeit bis zum Auftritt ihres Grafen zu überbrücken. „Ich finde ihn toll, weil ich ihn so gut verstehen kann“, erklärt Maik (zehn Jahre) seine Begeisterung.
Und das geht den Erwachsenen nicht anders. Diese klare Sprache, diese Offenheit, der beherzte Zugriff auf die Gefühle – das haut um. Vielleicht doch Kitsch? Schließlich lässt der Graf die Musiker mächtige Klangteppiche ausrollen, dazu Lyrik und Poesie – ein Weihnachtspaket. Fein durcharrangiert ist die Bühnenshow, Filmsequenzen stimmen auf das Thema ein, begleiten, überbrücken kleine Pausen. Den melancholischen Balladen, die das Publikum textsicher mitsingt, folgen harte, bassgetriebene Stücke aus seiner Heimat – der Gothic- Szene.
„Ich fühle mich da immer noch zu Hause“, sagt der Mann im Gespräch vor dem Konzert. Lässig, freundlich, entspannt kommt er rüber, erzählt aus seinem Leben, beantwortet bereitwillig alle Fragen. Bis auf die zum Privatleben. „Ich mache mit meiner Musik schon Seelenstriptease“, erklärt er, „alles, was ich denke und fühle, drücke ich in meinen Liedern aus. Wozu müssen die Menschen noch wissen, wo ich wohne oder wie mein Hund heißt?“
Der Graf ist besonders dankbar, dass seine Eltern diesen Erfolg jetzt miterleben. Schließlich ist er mit Unheilig seit zehn Jahren im Geschäft, und das lief lange eher mäßig. „Klar, haben sich meine Eltern auch Sorgen gemacht“, sagt der Musiker, „und ich habe mich auch alle zwei Jahre gefragt, ob das überhaupt noch das Richtige ist.“
„Mit Radio braucht ihr gar nicht zu rechnen“, prophezeiten ihm Insider schon früh; schwarze Klamotten und Glatze – „da werdet ihr nie gespielt.“ Und richtig, „wir haben x-mal bei den Stationen angefragt“, blickt der Sänger zurück, „die haben nur abgewunken.“
Rums. Und plötzlich der Erfolg. „Auf mich wirkt das Ganze immer noch unwirklich“, erzählt der Graf, „ich kann das noch gar nicht alles verarbeiten.“ Eigentlich mache er heute nichts anderes als in den vergangenen zehn Jahren, „aber uns hat einfach keiner gehört“, sagt er. Und nun? Wie fühlt sich das jetzt an? „Das ist super“, sagt er und grinst breit. Ja, Erfolg macht Spaß, das ist ihm anzusehen. Und das Geld? „Es hat fünf, sechs Jahre gedauert, bis ich sagen konnte: Hey, ich habe eine Tour gemacht und ich habe etwas über.“
Die Jahre des Zweifelns jedenfalls sind vorbei. „Mein inneres Lachsbrötchen“, nennt er diesen Hype. Aber der Lachs ist die eine Seite. Seine Haltung basiert auf einem tiefen Glauben an Gott, das Paradies, an Auferstehung – unabhängig von jeder Religion. „Wenn ein Mensch stirbt, muss ich wissen, dass ich ihn wiedersehe“, sagt er.
Der Graf scheint mitfühlend, mitleidend. Die Aktion „Herzenswünsche“, die todkranken Kindern einen Wunsch erfüllt, hat ihn beeindruckt und lässt ihn nicht mehr los. Dafür macht er sich ohne Probleme bei „The Dome“ zum Horst und sammelt Autogramme für den guten Zweck – wie ein kleiner Film beim Konzert belegt.
Aber er singt auch auf Kinderkrebsstationen, und braucht hinterher dringend seine Crew, um sich wieder aufzurichten. „Ein enger, vertrauter Kreis“, spricht er liebevoll von seinen Männern.
Der Graf wirkt im Gespräch genauso wie auf der Bühne: kraftvoll, offen, authentisch. Sprachgewaltig singt er von den großen Gefühlen, mutig spricht er von den Dingen, die fast alle Menschen am meisten bewegen. Kritiker nennen das Kitsch, für seine Fans ist das das Leben.
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