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Und plötzlich auf der Straße

Die Bewohner der Gaußstraße kämpfen für ihr Projekt. Foto: Leute
 
Ein Haus mit Tradition: Charlotte Ackermann, Karolin Hanebuth und Annette Lien (v.l.) blättern in alten Mietverträgen. Foto: Leute

Studenten fürchten Ende ihres Wohnheims.

Von Birgit Leute, 24.09.2016.

Braunschweig. In wenigen Wochen startet das Wintersemester und erfahrungsgemäß werden rund 5000 Erstsemester auf einen völlig überhitzten Wohnungsmarkt treffen. In den Wohnheimen des Studentenwerks Ostniedersachsen ist schon lange kein Platz mehr: Die Warteliste ist lang, wer einmal ein Bett hat, gibt es – im Gegensatz zu früher – nicht mehr so schnell her. Auf dem freien Markt ist außerdem günstiger Wohnraum Mangelware.

Kein Wunder, dass die Furcht, plötzlich auf der Straße zu sitzen, groß ist. Und genau das könnte 23 Studenten aus der Gaußstraße passieren, wenn sie nicht innerhalb eines halben Jahres 500 000 Euro aufbringen. Der Grund: Das Wohnheim, in dem sie leben, muss dringend saniert werden. Da die TU keine Mittel für Reparaturen und das Heim eine besondere Form der Selbstverwaltung hat, liegt der Ball im Feld der Studenten. Und die kämpfen verzweifelt darum, dass ihr Haus erhalten bleibt.

Weder Brandschutz noch Elektrik entsprechen modernen Bestimmungen. Auch das Dach müsste neu gedeckt werden, von der Fassade blättert der Putz. „Wir wollen hier nicht weggehen“, sträubt sich Karolin Hanebuth – und fasst damit auch die Ängste ihrer Groß-WG zusammen, auf dem angespannten Wohnungsmarkt nichts mehr zu bekommen.

Der „Fall Gaußstraße“ ist komplex. Das Gebäude gehört dem niedersächsischen Landesliegenschaftsfonds und wird von der TU über einen Trägerverein verwaltet. Seit fast 60 Jahren wird es als Wohnheim genutzt – mit einem ganz speziellen Flair. Denn die Studenten, die dort leben, verwalten sich – im Unterschied zu den vom Studentenwerk betriebenen Unterkünften – selbst.

„Wir organisieren die Neuvermietungen und wickeln auch sonst alles Organisatorische selbst ab“, erzählt Annette Lien über eine Gemeinschaft, die ein bisschen an eine Kommune aus den 70er Jahren erinnert. Es gibt einen Licht-Beauftragten, einen Waschmittel-Beauftragten und einen fürs Klo-Papier. Zwischen 18 und 20 Uhr ist das Erdgeschoss für Bedürftige geöffnet: Sie können sich dann im Food-Sharing-Regal mit Lebensmitteln versorgen oder im Second-Hand-Regal mit Kleidung. „Wir lernen hier echte Selbstständigkeit“, sagt Lien über den bunt zusammengewürfelte Mikro-Kosmos aus deutschen und ausländischen Studenten, Erstsemestern und Masterkandidaten, Maschinenbauern und Sozialpädagogen.

Kein Wunder, dass der Wunsch in ein „normales“ Wohnheim zu ziehen, gering ist. Die TU hat inzwischen einen Kompromiss mit den Studenten gesucht, zeigt aber auch klar Grenzen auf. „Wir haben kein Geld für die Sanierung“, sagt Pressesprecherin Dr. Elisabeth Hoffmann auf Nachfrage und betont: „Dass das Haus überholt werden muss, ist lange bekannt. Niemand möchte die Studenten einfach auf die Straße setzen, aber die Sicherheit geht vor: Im März 2017 wird das Haus endgültig geschlossen.“

Und was passiert dann? Der TU-Vizepräsident, Dipl.-Kaufmann Dietmar Smyrek, hatte sich in dieser Woche persönlich mit den Studenten getroffen und einen Vorschlag gemacht. „Wenn wir die Kosten für die Sanierung selbst übernehmen, können wir dort wohnen bleiben“, berichtet Charlotte Ackermann über das Gespräch. Im Klartext: In sechs Monaten müssen die Studenten 500 000 Euro für die Modernisierung zusammenbekommen – für die Anfang bis Ende 20-Jährigen einen ordentlichen Brocken: „Wir haben überhaupt keine Erfahrung im Sammeln von Spendengeldern“, sagt Annette Lien. Der Förderverein will helfen, finanzkräftige Sponsoren zu finden. Außerdem setzen die Bewohner auf Crowd-Funding.

„Das Haus verbleibt in jedem Fall im Besitz des Liegenschaftsfonds“, dämpft Elisabeth Hoffmann schon einmal vorsorglich Erwartungen von Investoren, die mit dem Gedanken spielen, die attraktiv gelegene Immobilie zu erwerben.
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