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Überleben im Heiligen Land

Kam einst auf Einladung des Dompredigers nach Braunschweig: Sami Abu Aita. Foto: Ammerpohl

Bis zum 21. Dezember werden im Braunschweiger Dom Schnitzereien aus Bethlehem angeboten.

Von Christoph Matthies, 8. Dezember 2015.

Braunschweig. Seit rund 20 Jahren besucht Sami Abu Aita in der Vorweihnachtszeit die Löwenstadt. Im Gepäck hat der Händler aus Bethlehem, dem Geburtsort Jesu, stets viele Krippen und andere handgearbeitete Schnitzereien aus Olivenholz, die er im Braunschweiger Dom verkauft. Gefertigt wurden die formvollendeten Waren von christlichen Familien, die in Palästina einer Minderheit angehören – und von denen viele ihre Heimat wegen der schwierigen politischen und sozialen Lage verlassen.

Es war der damalige Domprediger Joachim Hempel, der Sami nach Braunschweig einlud – als Reaktion auf die erste Intifada, die den Tourismus im Heiligen Land verkümmern ließ. „Wenn keine Touristen mehr zu euch kommen, müsst ihr zu uns kommen, um eure Schnitzereien hier zu verkaufen“, erinnert sich Hempel an sein Angebot während einer Reise nach Bethlehem.
Die Situation im Westjordanland hat sich seitdem nicht verbessert, noch immer sind Touristen rar, Wasser ein extrem knappes Gut. „Solange die israelische Regierung auf Probleme mit Mauern reagiert, wird es keine gemeinsame Lösung geben“, glaubt Hempel.
Es rumort im Heiligen Land. Seit Jahrzehnten, und, wie es aussieht, wohl auch noch für sehr lange Zeit. Sami Abu Aita hat den Glauben an bessere Zeiten trotzdem nicht aufgegeben: „Ich hoffe, dass in unserer Region irgendwann Frieden herrscht. Echter Frieden!“
Sami kommt aus Bethlehem, dem Geburtsort Jesu und damit einem der wichtigsten Orte des Christentums. Auch Sami ist Christ – in Bethlehem gehört er damit zur Mehrheit der Bevölkerung. Innerhalb Palästinas ist er als Anhänger der Lehren Jesu allerdings einer kleinen Minderheit zugehörig, quasi zwischen den Fronten zwischen Muslimen und Juden. In seiner Heimatstadt erlebt er die Auswirkungen der dritten Intifada hautnah mit. Angst um sich oder seine Frau Samar habe er aber nicht, behauptet er. „Es sind in erster Linie junge Muslime, die mit Steinen auf die israelischen Soldaten schmeißen“, sagt der 58-Jährige abwiegelnd. Er selbst habe viele muslimische Freunde. Seine Heimat würde er nie verlassen, sagt er.
Viele arabische Christen in und um Bethlehem sahen das anscheinend schon anders, Zigtausende haben dem Westjordanland in den vergangenen Jahrzehnten den Rücken gekehrt. Vor allem nach Südamerika, Chile zum Beispiel. Noch immer bedrückt es Sami, wenn wieder eine christliche Familie die Stadt, in der die Weihnachtsgeschichte spielt, verlässt. Seit zwei Jahrzehnten besucht er deshalb in der Adventszeit Braunschweig, wo er im Dom wunderschöne handgefertigte Krippen, Figuren, Sterne, Schalen und viele weitere Schmuckstücke aus Olivenholz, dem Baum seiner Heimat, verkauft. „Fünfzig christliche Familien arbeiten jedes Jahr an diesen Schnitzereien“, sagt Sami, „und jedes Jahr wechseln die Familien.“
Durch das Geld, das damit verdient wird, soll die Not gemildert, der Exodus zumindest gebremst werden. Das Leben in Bethlehem ist nicht einfach. Die israelische Regierung ließ eine hohe Mauer errichten, die die visafreie Einreise ins nur wenige Kilometer entfernte Jerusalem verhindert. Wasser gibt es wegen der israelischen Siedlungspolitik nur alle drei Wochen. Es wird abgefüllt und rationiert. „Und trotzdem müssen wir oft völlig überteuertes Wasser zukaufen“, sagt Sami.
Bis zum 21. Dezember bietet er die weihnachtlichen Holzarbeiten noch im Dom an, bevor er nach Bethlehem zurückkehrt. Auch im nächsten Jahr will er wiederkommen. Könnte die Lage im Nahen Osten dann vielleicht schon besser sein? „Schau nach Syrien, in den Irak oder nach Jemen. Es wird immer schlimmer“, antwortet der sympathische Händler traurig. Hier im Dom bete er für Frieden auf der ganzen Welt, sagt er. Besonders zuversichtlich klingt er dabei nicht.
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