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To-do-Liste auf den Kopf gestellt

Dr. Andrea Hanke Foto: Thomas Ammerpohl

Sozialdezernentin Dr. Andrea Hanke ist ein gutes Jahr im Amt – Weltpolitik bestimmt das Handeln.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 15.04.2016.

Braunschweig. Eigentlich hatte Dr. Andrea Hanke etwas ganz anderes vor. Denn eigentlich sollten Themen wie Inklusion und Schulentwicklungsplan ganz oben auf ihrer To-do-Liste stehen. Aber eben nur eigentlich. Denn kaum hatte die Dezernentin aus Münster in Braunschweig unterschrieben, da holte die Aktualität der Weltgeschichte sie – wie alle anderen auch – sprichwörtlich ein. Aber die 56-Jährige hat eine starke Eigenschaft: keine Angst vor Herausforderungen.

Der „Zug der 900“, der schon bald nach ihrem offiziellen Amtsantritt knapp 1000 Flüchtlinge ziemlich überraschend an einem Sonntagmorgen Anfang September am Hauptbahnhof ablieferte, hatte die Verantwortlichen gründlich aufgeschreckt. Seitdem will die Stadt möglichst auf alle Eventualitäten vorbereitet sein – und das ist Hankes Job.

Bei ihrer Vorstellung im Oktober 2014 sprach die promovierte Historikerin noch davon, dass sie keine Angst habe, in die großen Fußstapfen zu treten, die ihr Vorgänger im Amt, Ulrich Markurth, markiert habe. Diese Fußstapfen haben sich relativiert, denn die „Neue“ musste Neuland betreten. Und zwar sofort.
Arbeit mit Unbekannten

Das hat sie ganz offensichtlich mit Bravour geschafft. Äußeres Zeichen ihres Erfolges sind das gemeinsam mit der Bauverwaltung erarbeitete Standort-Konzept zur Flüchtlingsunterbringung und das 42 Seiten umfassende Integrationskonzept, beide unter extremem Zeitdruck erarbeitet. Letzteres legte sie jüngst dem Rat vor, und es wurde sofort vom Rat angenommen – wie das Standort-Konzept mit großer Zustimmung. Das sagt alles. Darauf kann sie stolz sein.

Aber das ist keine Kategorie, die ihr im Moment wichtig ist. Sie hat zu tun. Und zwar jede Menge. Nach einem guten Jahr im Amt kniet sie noch immer tief in dem Flüchtlingsthema. „Ich habe in Stade und Münster gearbeitet“, erzählt sie, „aber es gab für mich noch nie eine Zeit mit so vielen Unbekannten.“

Sie kann und will keine Ratschläge geben, wie das „Thema Flüchtlinge“ generell zu lösen sei. „Ich bin hin- und hergerissen zwischen Empathie und den Begrenzungen, die durch sachliche Zwänge nötig sind“, sagt sie. Sie habe mittlerweile einige Schicksale kennengelernt, sie wisse von den „Himmelfahrtskommandos“, die die Menschen auf sich nähmen, um dem Krieg und Terror zu entfliehen. Aber sie schickt auch direkt eine Forderung nach: „Es ist wichtig und absolut notwendig, dass jetzt auch ausreichend Gelder von Bund und Land bei uns hier in der Kommune ankommen.“

Sprachkurse, ausreichender Wohnraum, und, und, und. „Es braucht eine Zeit, um mit all diesen Aufgaben in geordnete Bahnen zu kommen“, erklärt die Dezernentin. Allein die qualifizierte Betreuung der Menschen, die durch ihre oft schrecklichen Erlebnisse zum Teil traumatisiert sind, sei eine Herkulesaufgabe. „Es gibt nicht einmal genügend Therapeuten, die zeitnah eine Diagnose stellen könnten, von einer Behandlung ganz zu schweigen“, beschreibt sie die Schwierigkeiten.
Umso glücklicher ist sie über die jüngste Kooperationsvereinbarung mit sechs örtlichen Stiftungen, die gemeinsam mit dem Kinderschutzbund Paten für die Bildungsintegration von jungen Flüchtlingen organisieren wollen. Zurzeit werden 28 Paten geschult, im Sommer wird der nächste Kurs starten. Das Projekt, das auch im Integrationskonzept verankert ist, liegt Andrea Hanke besonders am Herzen, „denn gut ausgebildet und integriert können die jungen Menschen einerseits dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu lindern und sie sind zudem andererseits eine Bereicherung für unsere Gesellschaft“, versucht Hanke den Blick auf die positiven Seiten einer komplizierten Situation zu konzentrieren.

Ihr Konzept soll möglichst allgemeingültig sein. Die Sozialdezernentin weiß um sozialen Zündstoff, sie legt Wert auf Ausgleich und Teilhabe: „Beim Thema Integration ebenso wie beim Wohnungsbau müssen wir alle Bürgerinnen und Bürger im Blick haben.“

Und doch, eine Gruppe liegt ihr besonders am Herzen: die Frauen unter den Flüchtlingen. „Auch sie müssen die Sprachkurse besuchen und sich qualifizieren können. Die Frauen haben für mich eine Multiplikatorenfunktion in die Familien hinein“, formuliert sie ein Ziel. Auch dafür webt sie gerade ein tragfähiges Netz, verbindet Strukturen und Organisationen.
Neben all diesen Akut-Zielen und Aufgaben hat sie auch den Schulentwicklungsplan nicht aus den Augen verloren. „Die Schullandschaft ist in Bewegung und darauf muss die Stadt als Schul- und Jugendhilfeträgerin entsprechend und zeitnah reagieren und auch auf die sich ändernden Bedarfe“, stellt sie fest.

Die Möglichkeiten verändern sich allerdings auch. Und zwar drastisch. Die neue Dezernentin musste direkt mit einem Gewerbesteuereinbruch umgehen, die Wiedereinführung der Kitaentgelte war sozusagen ihre Nagelprobe. „Das Wiedereinführen von Entgelten ist immer ein Ärgernis“, ist ihr klar. Aber die Angleichung der Entgelte zwischen Krippe und Kita sei schlussendlich gerechter. „Und die Diskussionen mit dem Stadtelternrat sind ausgesprochen sachlich gelaufen“, lobt sie ihre Verhandlungspartner.

Dynamische Stadt

Überhaupt – es gibt viel Lob für Braunschweig von der Neubürgerin. „Ich kenne die Stadt, ich bin in Lehrte aufgewachsen und war über die Jahre häufiger mal hier“, blickt sie zurück. Aber als sie jetzt wieder nach Braunschweig kam, da sei sie sehr positiv überrascht gewesen. „Eine Stadt mit viel Dynamik, man spürt, dass diese Stadt sich weiterentwickelt hat und vor allem, sich weiterentwickeln will.“
Sie hat ihre Wohnung hier bezogen, das Familien-Zuhause ist seit vielen Jahren Lehrte. Hier wohnt ihr Mann, hierhin fährt sie am Wochenende. Hier wohnen auch die Mutter und die Schwestern, die sie bei dieser Gelegenheit gerne trifft.
Ach ja, und dann ist da noch der Sport. Genauer – der Marathon. Dr. Andrea Hanke ist die Frau für die Langstrecke. Marathon in München, Berlin und – „phänomenal“ in New York. Dabei hat sie erst vor sechs Jahren mit dem Laufen begonnen. Und sich vorletztes Jahr das Knie verletzt. „Operation“, „Laufen geht nicht mehr“ – die Aussagen der Ärzte klangen nicht gut.

„Ich hab auf Zeit gesetzt“, sagt Hanke. Und gewonnen: In Braunschweig ist sie schon Halbmarathon gelaufen, Anfang April in Hannover war sie am Start. Keine Angst vor Herausforderung eben – diese Eigenschaft hilft in fast jeder Situation.
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