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Spagat zwischen Job und Familie

Burnout boomt: Krankenstände sinken, Depressionen steigen

Von Annette Heinze

Braunschweig. Krankenkassen verzeichnen anhaltend niedrige Krankenstände. Entgegen den Trend steigt der Anteil psychischer Krankheiten: „Psychische Erkrankungen nehmen zu – bei Frauen und Männern“, bestätigt Gerd Reinartz, Sprecher der DAK Nord.

Besonders die Diagnose Depression trete häufiger auf als früher, sagt Dr. Christoph Kröger, Leiter der Psychotherapieambulanz der Technischen Universität (TU) und Psychotherapeut.
Die Ambulanz ist staatlich anerkannte Ausbildungsstätte für Psychologische Psychotherapie. Aktuell befinden sind dort 400 Patienten aus der Region in Therapien. „Eine Depression zu haben, bedeutet nicht, dass jemand gerade mal nicht gut drauf ist“, erläutert Dr. Christoph Kröger.
Psychologen gehen seinen Angaben zufolge unter anderem von einer mittelschweren Depression aus, wenn Patienten äußern, dass sie sich seit mindestens zwei Wochen fast täglich durchgehend niedergeschlagen und antriebslos fühlen.
Depressionen führen zu schweren Konzentrationsstörungen, Grübeln und Schuldgefühle nehmen zu, beschreibt Psychotherapeut Dr. Christoph Kröger von der Psychotherapieambulanz der TU: „Man kann dann nicht arbeiten.“
Der Anteil psychischer Erkrankungen an den Gesamterkrankungen sei im Laufe der letzten Jahre angestiegen, bestätigt auch die AOK. Lag der Anteil für Braunschweig 2003 bei 6,4 Prozent aller Krankmeldungen, so stieg er jährlich leicht bis auf 7,8 Prozent im Jahr 2007.
Auffällig sei bei einem anhaltend niedrigen Krankenstand der steigende Anteil psychisch Kranker, schreibt die DAK in ihrem Gesundheitsreport. Besonders Männern seien betroffen: von 2000 bis 2007 stieg ihr Anteil an den Krankmeldungen aufgrund von Depressionen um 18,4 Prozent.
Die höheren Krankschreibungen zeigten, dass sich Männer dem Thema stärker öffnen, erläutert Gerd Reinartz von der DAK. Der Spagat zwischen Beruf und Familie erschöpfe mittlerweile nicht mehr nur vor allem Frauen mit Kindern, teilt die Techniker Krankenkasse (TK) aktuell mit: Immer mehr Männer würden zwischen den Lebenswelten Beruf und Familie aufgerieben und seien erschöpft, so die TK. Allein in Niedersachsen lebten rund 22 000 alleinerziehende Väter mit minderjährigen Kindern. Die Krankenkasse bietet jetzt ein Präventionsprogramm gegen den Burnout bei Vätern an.
„Die Arbeitsdichte nimmt zu, pro Zeiteinheit muss immer mehr geleistet werden“, erläutert Dr. Christoph Kröger von der Psychotherapieambulanz der TU weitere Ursachen für Depressionen: „Immer mehr Patienten erleben die Arbeitswelt als belastend.“ Typische Berufsgruppen seien Erzieherinnen und Lehrer, aber auch Führungskräfte aus den mittleren Hierarchieebenen. „Höhergestellte kompensieren durch finanziellen Ausgleich oder durch Dienstreisen“, erläutert Dr. Christoph Kröger.
Auch Belastungen im familiären Bereich nehmen nach Erkenntnissen des Psychologen zu: „Besonders vor Scheidungen treten psychosomatische Belastungen auf“, sagt Dr. Kröger. Die Scheidungsquote liege schließlich unverändert hoch bei 40 Prozent.
Nach einer aktuellen Studie aus Nordrhein-Westfalen äußern sich beginnende Depressionen übrigens auch körperlich – durch Rückenschmerzen.
Die Akzeptanz von Depressionen steige, sagt Dr. Kröger, oft sei aber die Diagnose von Hausärzten nicht besonders gut. Patienten, die die Ambulanz der TU aufsuchen, kämen häufig vom Psychiater, vom Hausarzt oder aus eigenem Antrieb. Die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sei eher schlecht, auch in unserer Region, sagt Dr. Kröger. Die Psychotherapieambulanz der TU hat zum Beispiel zurzeit eine Wartezeit von vier Monaten.
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