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Soziale Balance ist in Gefahr

Handfeste Hilfe, aber auch eine Perspektive der Hoffnung will Beraterin Patricia Kirsch vermitteln (hier im gestellten Gespräch mit Uwe Söhl), das jedoch wird immer schwieriger, weil der Wohnungsmarkt wie leer gefegt ist. In Einzelfällen wird die Diakonie jetzt selbst schon Hauptmieter, um private Wohnungsbesitzer zu gewinnen. Ziel ist, dass der Vertrag später übertragen wird. Foto: T.A.

Wohnungslose: Zahl der Hilfesuchenden wächst.

Von Marion Korth, 16.12.2015. Braunschweig. Für Mitte Dezember ist es reichlich mild, aber den Wohnungslosen in der Stadt und auf dem Land weht ein scharfer Wind entgegen. Die Zahl der Menschen, die in den Beratungsstellen Hilfe suchen, wächst, freie Wohnungen aber sind mehr als rar. Die Diakonie hat gestern Alarm geschlagen.

„Wir haben höllische Angst, dass die soziale Balance aus dem Ruder läuft“, sagte Maik Gildner, Geschäftsführer der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten. Und dass die Menschen, die bei Bekannten untergeschlüpft sind oder auf der Straße leben, hinten hinunterfallen. Uwe Söhl, (Leiter der Regionalvertretung Braunschweig), befürchtet zudem, dass zwischen Flüchtlingen und Wohnungslosen eine Konkurrenz entsteht. Die Diakonie sieht dringenden Handlungsbedarf und fordert mehr sozialen Wohnungsbau.

Um die preiswerten Wohnungen im unteren Marktsegment streiten sich immer mehr Menschen. „Der Sozialbau wurde eingestellt, Mietbindungen sind ausgelaufen“, nennt Maik Gildner, Geschäftsführer der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten, die Gründe dafür. Damit Wohnungslose trotzdem eine Chance haben, fordert er unter anderem flexible Möglichkeiten für die Nutzung bestehender Immobilien, Belegrechte, mehr Plätze für das Wohnen auf Probe und einen neu belebten Sozialbau mit verbindlichen Quoten für Wohnungslose.

Der Blick in die Nachbarstadt Wolfsburg lohne sich. „Dort ist man schon weiter“, sagt Uwe Söhl. Per Ratsbeschluss müssen dort in jedem Neubaugebiet 20 Prozent soziale und damit günstige Wohnungen entstehen – nicht nur, aber auch für Wohnungslose. „In Braunschweig gibt es das so nicht, sondern nur für einzelne Projekte“, sagt er. Die Nordstadt ist ein solches Projekt, nicht aber der „Lange Kamp“.

„Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne eine Wohnung ist alles nichts“, sagt Michael Bahn, Regionalleiter der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten. Jemand, der gerade eine Entgiftung hinter sich hat und dann wieder in der Unterkunft An der Horst landet, sich dort ein Zimmer mit 15 Quadratmetern mit drei Mitbewohnern teilen muss, erneut mit Drogensucht und Gewalt konfrontiert wird, dem ist nicht geholfen, und dem kann nicht geholfen werden. Das wissen die Betroffenen auch selbst und würden oft lieber auf der Parkbank schlafen als ins Obdach zu gehen.

Mini-Wohnungen mit eigenem Bad und vor allem einer Haustür, die man hinter sich schließen kann, so wie sie in Leichtbauweise auch für Flüchtlinge entstehen, wären eine echte Verbesserung, sagt Söhl. Auf längere Sicht aber gehe es um dauerhafte Wohnungen und wirkliche Integration.
Die Wohnungslosenhilfe verlange einen langen Atem. „Ich habe als Beraterin jemanden kennengelernt, der lebte auf der Straße, war stark alkoholabhängig und verschuldet. Heute hat er eine Wohnung, hat eine zweite Ausbildung gemacht, arbeitet und ist seit vier Jahren trocken“, schildert Beraterin Patricia Kirsch eine Erfolgsgeschichte. Sieben Jahre hat sie diesen Menschen begleitet. „Das geht nicht, wenn jemand auf der Straße lebt.“

Info

• Von April bis Oktober suchten in Braunschweig 312 Menschen in den Beratungsstellen der Diakonie Rat (+ 19 Prozent seit 2012), in der Region zwischen Gifhorn und Goslar, Peine und Wolfsburg waren es insgesamt rund 1000 (+ 23 Prozent).

• Drei Viertel von ihnen haben keine Wohnung, leben bei Bekannten oder auf Straße, oder stehen kurz davor, ihre Wohnung zu verlieren.

• Frauen machten fast ein Drittel der Hilfesuchenden aus.

• Jeder Fünfte ist zwischen 18 und 25 Jahren alt, obwohl diese Altersgruppe im Bevölkerungsdurchschnitt nur einen Anteil von rund 9,5 Prozent hat.

• Die Wohnungslosigkeit ist meistens nur eins von mehreren und allein unlösbaren Problemen wie Schulden, Arbeitslosigkeit oder gesundheitliche Einschränkungen.
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1 Kommentar
7
Charlotte Winterkorn aus Braunschweig - Innenstadt | 16.12.2015 | 17:53  
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