Anzeige

„Sie sind das Problem“

Auftakt für eine besondere Vortragsreihe: Professor Dr. Bernd Raffelhüschen im BZV Medienhaus. Foto: Christian Göttner

Finanzwissenschaftler Raffelhüschen nahm das Thema Alterssicherung statistisch auseinander.

Von Ingeborg Obi-Preuß
Braunschweig, 13.02.2015. „Haben Sie das?“ Bernd Raffelhüschen fasst gern nach, wenn er eine seiner Zukunftsberechnungen in den Raum stellt. Pointiert, launig und unterhaltend startete der Professor für Finanzwirtschaft jetzt im BZV Medienhaus die Vortragsreihe „Die Zukunftsmacher.“
„Zur Nachhaltigkeit der Alterssicherung“ hieß sein Thema ganz harmlos; was dann kam, waren harte Wahrheiten, knallhart, aber charmant formuliert.

„Von hier aus könnten Sie den Alterungsprozess gut sehen, er sitzt vor mir“, begrüßte der Demograf die Gäste. „Sie haben kein Problem, Sie sind das Problem, und – Sie haben es gemacht“, spricht der Mann sicht- und hörbar in seinem Element, „und zwar durch Unterlassung“, fügt er an, ein Drittel der heute Erwachsenen sei kinderlos. „Sie sind in Bezug auf das Kinderkriegen der größte Rohkrepierer, den wir in der deutschen Geschichte je hatten.“ Die gute Nachricht schob der temperamentvolle Wissenschaftler gleich hinterher: „Es wird alles wieder gut – wenn Sie nicht mehr da sind, ist das Problem gelöst. Haben Sie das?“

Im Hintergrund leuchtete die offizielle Bevölkerungspyramide, die veranschaulichte, was Raffelhüschen predigte: In der Mitte gibt es die mit Abstand stärksten Generationen, danach wird es deutlich dünner. Das heißt? „Der Verursacher räumt auf“, stellte Raffelhüschen klar, „und dass Sie das sind. Haben Sie das?“
Aufräumen heißt in diesem Fall einschränken. Beispielsweise bei der Rente. „Wenn genau so viel eingezahlt wie ausgezahlt wird, dann sprechen wir von Nachhaltigkeit“, erklärte Raffelhüschen. Im Jahr 1998 fehlten der Rentenkasse Rückstellungen in Höhe von 240 Prozent des Bruttosozialprodukts. „Das sind versteckte Staatsschulden“, machte er deutlich.

Die Agenda 2010 schließlich sei nötig, richtig und wichtig gewesen. „Immer, wenn Sie irgendetwas nicht verstanden haben, vermuten Sie einfach eine Rentenkürzung“, erklärte Raffelhüschen die Politik der Folgejahre, die er selbst mitgestaltet hat, „dann vermuten Sie schon richtig.“ Der Weg der Kürzungen sei der einzig Logische gewesen. Das, was jetzt passiere, mit Mütterrente und Rente mit 63 sei der „größte Unfug aller Zeiten.“ Denn die 45 geforderten Beitragsjahre für die abschlagsfreie Rente mit 63 würden fast nur Facharbeiter zusammenbekommen, die eh zu den reichsten Rentnern gehören werden. „Frau Nahles hat sie total verarscht.“

Auch für die Pflegeversicherung malte Raffelhüschen ein düsteres Szenario. „Hier wurde ein Generationenvertrag verkündet, in dem Wissen, dass die nachfolgende Generation gar nicht da ist“, sagte er. „400 Euro pro Jahr zahlen Sie im Schnitt ein, aber 4500 pro Jahr zahlt die Pflegekasse statistisch für jeden aus. Es kann nicht funktionieren – haben Sie das?“
Die jetzt erwachsene Generation sei verpflichtet, durch Einsparungen und Einsatz der eigenen Mittel („statt Erbschaftsbewahrungsprogramm“) zu haushalten. „93 Prozent der Menschen sind rein statistisch in der Lage, die Differenz zwischen Rente und Pflegekosten selbst zu zahlen. Das müsse für eine gewisse Karenzzeit selbstverständlich werden, damit die wirklich schweren, über Jahre dauernden Pflegefälle von der Allgemeinheit getragen werden könnten.

„Handeln Sie“, forderte Raffelhüschen die Gäste auf, „es ist immer besser, man macht selber, als dass man die Umstände machen lässt.“
Der nächste Vortrag im BZV Medienhaus heißt „Werte und Gesellschaft“ am 18. März. Alle Informationen und Buchungen unter www.sprecherhaus.de/zukunftsmacher-2015.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.