Anzeige

Sänger, Kellner, Lkw-Fahrer: Nie stehen bleiben im Leben

Lebenskünstler Michel Begeame kritisiert die Grundeinstellung vieler Deutscher

Von Jens Radulovic

Braunschweig. Kellner, Bootsführer, Messebauarbeiter, LKW-Fahrer und nun auch noch eine Rolle im Musical „Unser Eintracht“ am Staatstheater (siehe auch Seite 24): Der ehemalige Such-A-Surge-Sänger Michel Begeame hat schon viel gemacht – und noch viel vor.

„Ich bin durch und durch Braunschweiger“, sagt Michel Begeame, und das ist wörtlich zu nehmen. Denn der Sohn eines Kongolesen und einer Deutschen kam in der Löwenstadt zur Welt. Dort blieb er allerdings nur etwa drei Monate, dann zogen seine Eltern nach Zaïre, wie die Demokratische Republik Kongo damals hieß, in die Hauptstadt Kinshasa.
„Als Jugendlicher muss man seine Grenzen gesetzt bekommen, denn man lotet sie ja auch aus“, sagt der 37-Jährige und spricht aus Erfahrung, „Ich bin hyperaktiv und habe viel Mist gebaut“, erinnert er sich an seine Jugend in Kinshasa, während der er es seinen Eltern nicht leicht gemacht habe. „Ich war jeden Tag auf Achse und kehrte fast immer mit einer Wunde nach Hause zurück.“ Ein Mal versank er auf einer Erkundungstour mit anderen Kindern bis zur Brust im Treibsand: „Meine Schuhe sind immer noch da drin“, lacht er.
„In der Regenzeit hatten wir 36 Grad Celsius und eine enorm hohe Luftfeuchtigkeit – das würde ich heute gar nicht mehr ertragen“, sagt Begeame. Mit seiner Mutter kehrte er als 17-Jähriger zurück nach Braunschweig. Der erste Winter in Deutschland war für ihn entsprechend hart: „Ich habe mich zu Hause eingesperrt, das Bett an die Heizung geschoben und mir mehrlagig Pullover angezogen. Ich sah aus wie ein ’Michelin’-Männchen.“
Mit dem antiautoritären Erziehungsstil in Deutschland kam er nicht zurecht, blieb in der Schule sitzen. Erfolgreicher lief die Teilnahme an der schulischen Rock ’n’ Roll-Arbeitsgemeinschaft. Hier lernte er seine späteren Such-A-Surge-Mitstreiter kennen. 14 Jahre machte er als Sänger der Crossover-Band Musik, gab Konzerte in ganz Europa und lebte gut davon. 2005 entschieden sich die Bandmitglieder einhellig aufzuhören. „Ich hatte keine Ahnung, was dann kommen sollte, und hatte schon etwas Angst vor der Zeit nach der Musik. Aber meine Mutter hat mir mitgegeben, nie stehen zu bleiben im Leben.“
Diese positive Grundeinstellung vermisse er bei vielen Deutschen. Sie wüssten häufig nicht zu schätzen, was sie haben, und verlören durch ihre Unzufriedenheit an Lebensqualität: „Hier muss keiner hungern oder an vermeidbaren Krankheiten sterben. Im Kongo hilft dir keiner, da musst du dein Leben selber regeln. Trotzdem sind die Menschen dort lebensfroher, machen gerne einen drauf.“
In den Kongo ist er nie wieder gereist. Er weiß allerdings, dass Bodenerosion das Stadtviertel, in dem er aufwuchs, zerstört hat: „Dorthin zurückzukehren hieße, mich von meiner Kindheit zu verabschieden, weil es den Ort meiner Erinnerungen nicht mehr gibt“, sagt er etwas wehmütig.
Aus Braunschweig ziehe es ihn derzeit aber auch nicht weg. Der geschichtsinteressierte Lebenskünstler macht geführte Bootstouren auf der Oker und gibt Einblicke in die braunschweigische Geschichte. „Ich bin immer noch eine ’Rampensau‘. Meine Bühne ist jetzt halt das Boot.“, sagt er in Anspielung auf seine Musikkarriere.
Aktuell steht Michel Begeame jeden Abend im Kleinen Haus auf der Bühne, danach aber geht es wieder weiter: Das Abitur nachholen, um studieren zu können. Dazu büffelt er an einem Kolleg. „Ich denke darüber nach, Sozialpädagogik zu studieren“, sagt er. „Ich würde gerne mit Jugendlichen arbeiten und ihnen zeigen, dass man sich nicht klein machen muss, nur weil man aus der Norm fällt.“
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.