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Plastik liegt allen schwer im Magen

Nein, das ist kein Rest-, sondern Biomüll, der uns fürs Foto vor die Füße gekippt wird. Das Problem: Die vielen Plastiktüten darin. Fotos: Marion Korth
 
Gregor Kruppa, Leiter der Vergärungsanlage von Alba.
 
„Viel Sand und Steine heute“, meldet Michael Look seinem Chef. An den Bildschirmen hat er die ganze Anlage im Blick.

Plastik liegt allen schwer im Magen


Plastiktüten sind bei der Biomüllverwertung ein großes Problem – Besuch in der Vergärungsanlage in Watenbüttel.

Von Marion Korth, 27. Februar 2018.

Braunschweig/Watenbüttel. Die Tore zur Halle sind geöffnet, alles bereit, um die nächste Fuhre aufzunehmen. Aber der Fahrer kippt nach kurzer Rücksprache seine Ladung nicht im Dunkeln des Aufnahmebunkers, sondern vor der Halle ab. Mir vor die Füße sozusagen, schließlich bin ich hier, um mir selbst ein Bild zu machen – von Braunschweigs Biomüll, der gleichzeitig auch Braunschweigs Plastikmüll ist. Ein riesiges Problem, das Alba mit der großen Kampagne „Bio? Logisch ohne Plastik!“ in diesem Jahr kleinkriegen will.

Der Sand im Getriebe der Maschinerie besteht aus ungezählten Plastiktüten und aus allem Möglichen, was nur eines nicht ist: Biomüll. Die Unbelehrbaren, die Gleichgültigen, die Fälle groben Unfugs einmal ausgenommen, bleibt diese Erkenntnis: „Die Leute machen alles richtig und nehmen dann die falsche Tüte.“ Aus Gregor Kruppas Worten klingt Bedauern heraus. Der Leiter der Vergärungsanlage im Biomassezentrum von Alba hat die vage Hoffnung, dass es irgendwann weniger Plastiktüten werden, weil es sie nicht mehr kostenlos in den Geschäften gibt. Aber auch dann bleiben noch die kleinen Beutel aus den Obst- und Gemüseabteilungen. Auch sie sind aus Plastik.
Je höher die Häuser, je anonymer die Nachbarschaft und je weiter der Weg zur Tonne, desto höher der Plastikanteil im Biomüll – so einfach ist das. Und es geht nicht nur ums Plastik.
„Bei uns gibt es nichts, was man nicht findet.“ Gregor Kruppa hat mich zur Betriebsbesichtigung mitgenommen. Würde ich nur lange genug warten, meint er, dann hätte ich eine komplette Gartengeräteausstattung zusammen. Grubber, Rechen, Schaufel, Heckenschere. Im Metallcontainer liegen außerdem Konservendosen, Schraubdeckel, Draht. Der große Magnet bekommt nicht alles heraus. Neulich haben große Metallkugeln die Anlage zerschossen. Den Zerkleinerern kommt immer wieder Unverdauliches in die „Zähne“: ein Rasenkantenstein, ein Mofamotorblock, Fahrradteile, eine Axt.
Für Gregor Kruppa ist die Vergärungsanlage mit ihren vorgeschalteten Schnecken, Häckslern, Transportbändern mehr als eine Maschinerie: „fast ein Lebewesen.“ Der Aufnahmebunker ist in diesem Sinn das Maul. 18 560 Tonnen Biomüll liefern die Fahrzeuge jährlich an. Der große Greifer befördert sie in den Bauch der Anlage, jetzt wird gekaut und zerkleinert. Farblich stechen die Orangenschalen aus dem braunen Brei, der auf dem Band an Matthias Kühn vorbeiläuft heraus. Er hat vor allem Augen für die Plastiktüten. Eine Zange in der Hand, fischt er sie mit einer geübten Wischbewegung in den seitlich stehenden Abfallcontainer. Vor zehn Minuten hat seine Arbeit begonnen, der Boden des Containers ist von Plastikmüll bedeckt. Kühn arbeitet schnell und konzentriert und ist trotzdem nicht ganz bei der Sache. Seine Ohren horchen ins Dunkel des Maschinenbauchs. Ein Poltern darin ist das Alarmzeichen, dass sich ein dicker Stein oder sonst ein Störstoff nähert. Auch die rote Lampe über dem Fließband meldet Undefinierbares. Dann muss er das Band stoppen und ganz genau hinsehen. Aber so viel er auch herausholt, es bleibt immer noch genug übrig.
„Das Plastik zieht sich durch die ganze Anlage“, sagt Kruppa. Er muss den Durchsatz herunterfahren, wenn es sich wieder einmal um die Schneidwerke gewickelt hat. Auch in der eigentlichen Vergärungsanlage – nichts als Ärger damit. Die Paddel, die die angefeuchtete Masse und die unter Luftabschluss arbeitenden Bakterien bei viel Wärme in Bewegung halten, nehmen die Gestalt von Elefantenfüßen an, Wellen brechen.
Aber das ist es nicht allein. „Schwarzes Gold“ wird Kompost manchmal genannt, schade, dass es nicht so strahlend glänzt, wie es eigentlich könnte. Auch im fertigen Kompost müssen wir nicht lange suchen. Eine Plastiktüte, die Matthias Kühn nicht erwischt, wird beim Gang durch Häcksler und Zerkleinerer in ungefähr 200 Schnipsel zerlegt. Der gedankliche Sprung zum Plastik in den Ozeanen ist gar nicht so weit. „Was wir wegwerfen, kommt irgendwo wieder an“, das sehen Kruppa und seine Kollegen jeden Tag. „Die Leute denken, das ist nur Biomüll, aber da steckt viel mehr dahinter“, sagt Kruppa. Der Wind weht scharf übers Feld, jetzt fängt es auch noch an zu schneien. Was dahintersteckt, Gregor Kuppa, Leiter der Vergärungsanlage im Biomassezentrum von Alba, hat es uns gerade gezeigt. Nun stehen wir wieder draußen, die grüne Halle im Rücken, und sehen den Biomüll mit anderen Augen.





FAKTEN

1950 Tonnen Fremdstoffe, darunter viel Plastik, sortiert Alba in jedem Jahr aus dem Bioabfall heraus.
25 000 Kubikmeter Kompost werden aus dem Bioabfall gewonnen.
Vorbildlich: Seit 25 Jahren werden in Braunschweig Bioabfälle verwertet.
Grün- und Strauchschnitt wird gleich auf der Fläche kompostiert. Bioabfälle aus Küche und Haushalt gehen den Weg über die Vergärung. Rund 21 Tage bei 55 Grad – so lange dauert der Zersetzungsprozess. Das dabei gewonnene Biogas sichert über ein Blockheizkraftwerk die Energieversorgung der Kläranlage. Auch die Abwärme wird genutzt – ein geschlossener Kreislauf.
Die organischen Reste aus der Vergärung werden gepresst, um ihnen die Feuchtigkeit zu entziehen, und werden nach einer Zeit der Nachrotte mit dem Grünschnittkompost gemischt. Es ist ein hochwertiges Bodenverbesserungs- und Düngemittel entstanden – nur ganz plastikfrei ist es (leider) nicht.

DAMIT DER BIOMÜLL NICHT IN DER TONNE FESTFRIERT

Die Minustemperaturen haben uns fest im Griff. Mit dem Winter kommt auch die Zeit, die für eingefrorene Abfälle – insbesondere Bioabfälle – in den Tonnen sorgt. Hier hat Alba Tipps und Tricks, um das Einfrieren zu vermeiden und so eine Entsorgung der Abfälle weiter möglich zu halten:
• Achten Sie darauf, keine feuchten Abfälle lose in den Tonnen zu entsorgen. Diese frieren fest und können so nicht aus den Behältern entfernt werden. Verwenden Sie für Restabfälle Tüten oder Zeitungspapier und für Bioabfälle spezielle Papiertüten oder kompostierbare Biobeutel.
• Sinnvoll kann es sein, den Boden des Behälters mit Wellpappe, Zeitungspapier oder Eierkarton auszukleiden. Wer eine Garage oder einen Keller hat, kann seinen Abfallbehälter auch dort vorübergehend unterstellen, um so einem Festfrieren der Abfälle entgegen zu wirken.
• „Sehr wichtig ist es auch, die Abfälle locker in die Behälter einzufüllen“, so Matthias Fricke, Geschäftsführer der Alba Braunschweig GmbH. „Auf keinen Fall sollten sie in die Tonne gepresst oder gestampft werden, da sie dann sehr leicht und besonders fest anfrieren.“
Weitere Auskünfte unter der kostenfreien Nummer 8 86 20.

Themenjahr: „Bio? Logisch ohne Plastik!“

Alba startet Kampagne gegen Plastik im Bioabfall – Fremdstoffe erschweren Biomüllverwertung

Braunschweig (m). Alba widmet sich in diesem Jahr noch intensiver dem Thema Plastik im Bioabfall. Bereits in den vergangenen zwei Jahren hatte der Recycling- und Umweltdienstleister gemeinsam mit der Stadt Braunschweig Aufklärungs- und Hinweisaktionen rund um den noch hohen Anteil von Kunststoffen im Bioabfall gestartet. Mit vielen Informationen und Aktionen soll über das gesamte Jahr 2018 unter dem Motto „Bio? Logisch ohne Plastik!“ regelmäßig auf die Problematik des noch hohen Kunststoffanteils im Bioabfall hingewiesen werden.
„Aus dem Braunschweiger Bioabfall entsteht in der Vergärungsanlage in Watenbüttel neben Biogas wertvoller Kompost, also ein natürlicher Dünger und Bodenverbesserer für landwirtschaftliche Betriebe der Region und heimische Gärten im Großraum Braunschweig“, erläutert Matthias Fricke, Geschäftsführer der Alba Braunschweig GmbH. „Selbstverständlich haben wir den Anspruch, eine hohe Reinheit des Komposts zu erzielen. Darum wenden wir uns jetzt gezielt an die Öffentlichkeit und bitten alle Braunschweiger und Braunschweigerinnen, kein Plastik und sonstige Fremdstoffe in die Biotonne zu werfen.“
In den Braunschweiger Biotonnen landet noch zu viel Plastik. Durch die sogenannten „Fremdstoffe“ im Bioabfall – allen voran falsch entsorgte Plastiktüten – wird die anschließende Weiterverarbeitung des Bioabfalls zu hochwertigem Kompost stark erschwert. Denn herkömmliches Plastik ist nicht kompostierbar und stört somit die Verwertung der Bioabfälle. Ziel des nun von Alba gestarteten Themenjahres ist es, die Menge an Plastik im Braunschweiger Bioabfall zu reduzieren und damit die Qualität des daraus entstehenden Komposts weiter zu steigern.
Für Bürger und Bürgerinnen, die sich zum Thema Biotonne weiterführend informieren möchten, hat Alba eine spezielle Webseite eingerichtet, zu finden unter www.bio-logisch-ohne-plastik.de .
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1 Kommentar
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S. Leunig aus Braunschweig - Innenstadt | 28.02.2018 | 16:36  
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