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Notfall: Wenn das Unfassbare geschieht

Nach tödlichen Unfällen überbringt häufig ein Seelsorger die schreckliche Nachricht – und bleibt bei den Trauernden

Von Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. „Guten Tag, mein Name ist Peter Schellberg, ich bin Notfallseelsorger der Feuerwehr, ich habe eine wichtige Nachricht für Sie; ich würde jetzt gern reinkommen“ – Worte, die häufig am Anfang einer unfassbaren Leidenszeit stehen. Peter Schellberg und sein Team kommen nach schweren Unfällen, überbringen Todesnachrichten. Sie sind da, halten aus, begleiten.

„Am Anfang, wenn wir beispielsweise eine Todesnachricht überbringen, steht der Schock und das Nicht-wahr-haben-wollen“, erzählt der 56-jährige Pfarrer aus seiner Erfahrung.
„Nein, das kann gar nicht sein“ sei so eine typische Reaktion von Angehörigen. In diesen besonders kritischen ersten Minuten muss Schellberg es schaffen, in die Wohnung gelassen zu werden. Das ist ganz wichtig. „Wir haben bei einer Frau geklingelt und mussten ihr sagen, dass ihre 13-jährige Tochter bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt worden war“, erzählt Schellberg eine seiner vielen abgrundtief traurigen Geschichten. „Die Frau sagte einfach ‚Nein‘ und knallte die Tür zu.“ Dann hörte der Seelsorger, wie sie hinter der Tür schluchzend zusammenbrach.
Das soll möglichst nicht geschehen, darum der wichtige Schritt über die Türschwelle.
Fast immer ist Schellberg in Begleitung von Polizeibeamten, denn grundsätzlich ist die Überbringung von Todesnachrichten eine „hoheitliche Aufgabe“.
Meist aber spricht der Seelsorger. „Ich war immer froh über die Begleitung der Beamten“, erzählt Schellberg. Denn schnell hat er ihre Anwesenheit schätzen gelernt. „Bei einem meiner ersten Besuche rannte eine Frau, der wir sagen mussten, dass ihr Mann tot war, plötzlich zum Fenster und wollte rausspringen“, erinnert sich Schellberg. In einem anderen Fall hatte eine Angehörige versucht, sich im Badezimmer die Pulsadern aufzuschneiden.
Aus seinen Einsatzerfahrungen hat Schellberg gelernt – eine gewisse Routine schützt vor Fehlern. Also: „Unbedingt in die Wohnung, hinsetzen lassen, die Hilflosigkeit des Schreckens aushalten.“
Und dann kommen die Gespräche. Manchmal. Denn häufig könne er nur die „Solidarität der Ohnmächtigen“ bieten. „Zu Beginn meiner Laufbahn habe ich viel geredet“, erzählt er, „ich habe den Menschen alles, was ich gelernt hatte, aufgetischt. In der Hoffnung zu helfen.“
Das ist heute anders. „Es gibt besonders tragische und furchtbare Schicksale, da gibt es keine Worte mehr“, weiß er, „da kann ich nur da sein, Ruhe ins Chaos bringen, Aggressionen aushalten, begleiten, unterstützen.“
Meist geht er mit den Trauernden so nah wie möglich an die Ereignisse heran, um das Geschehen zu klären. „Manchmal hatte das Opfer die Wohnung erst vor wenigen Minuten verlassen, die Hinterbliebenen können es schlichtweg nicht glauben, dass der geliebte Mensch nicht wiederkommt.“
Um dieser Gewissheit Willen vertritt Schellberg auch die Meinung, dass die Hinterbliebenen die Toten auf jeden Fall noch einmal sehen sollten. „Dann wird die Endgültigkeit klar,“ weiß der Seelsorger. Dieses Abschiednehmen sei eine wesentliche Voraussetzung zum Weiterleben. Auch die Angst, dass ein Opfer nach einem Verkehrsunfall möglicherweise zu schlimm aussähe, lässt er nur selten gelten. „Die Mutter, von der ich vorhin erzählte, wollte ihre verstorbene 13-jährige Tochter unbedingt sehen“, sagt er, „ich bin mit ihr in die Pathologie gefahren und habe das möglich gemacht.“
Das tote junge Mädchen hatte heftige, auch sichtbare Kopfverletzungen. „Doch die Mutter hat ihre Tochter lange angeschaut, gestreichelt und dann zu mir gesagt: ‚Herr Schellberg, habe ich nicht eine schöne Tochter?‘“, erzählt der Seelsorger von einer dieser bewegenden letzten Begegnungen.
„Die Menschen sehen in diesem Fall nur, was sie sehen wollen – und was sie aushalten“, ist seine Erfahrung. Der häufig gesagte Satz „Behalten Sie den Menschen doch in Erinnerung, wie Sie ihn zuletzt gesehen haben“ sei jedenfalls komplett falsch. „Denn zuletzt hat man den Menschen lebend gesehen“, sagt Schellberg. Und von diesem lebenden Bild sei der Abschied fast unmöglich.
Schellberg begleitet die Trauernden unterschiedlich lange. Je nachdem, ob eine tragfähige Familie oder Freunde vorhanden sind, und je nachdem, wie der trauernde Mensch mit der Situation umgeht. Einige Zeit nach der Beerdigung kommt Schellberg zum Abschiedsgespräch. Er „übergibt“ an einen Gemeindepfarrer, vermittelt in Trauergruppen oder lässt einfach nur los: „Letztlich muss jeder Mensch seinen eigenen Weg finden, um mit dem Unfassbaren seinen Frieden zu schließen.“
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