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Nicht ganz deutsch, nicht ganz brasilianisch – ganz Weltbürger

Renato Fraenkel lebt seit 24 Jahren in Braunschweig – Seine Eltern flohen einst vor den Nazis

Von Daniel Mau

Braunschweig. Auf die Frage, wo er zu Hause ist, antwortet Renato Fraenkel zögerlich. Brasilien oder Deutschland? „Ich bin Weltbürger“, sagt der Lehrer schließlich. Eine solche Aussage klingt oft hochtrabend – in seinem Fall trifft es aber den Kern. In beiden Ländern hat er Wurzeln geschlagen.

Das hat Tradition in seiner Familie. Die Eltern des heute 61-Jährigen waren deutsche Auswanderer in Brasilien – wider Willen. Die beiden Juden flüchteten in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vor der Nazi-Diktatur.
Ihr Sohn, der in der brasilianischen Millionenstadt Sao Paulo geboren wurde, hat eine ähnliche Biographie vorzuweisen. Fraenkel war 22 Jahre alt, Student und politisch links, als in fast ganz Südamerika Militär-Diktaturen das Sagen haben – auch in Brasilien. „1969 musste ich vor dem Regime fliehen, erst nach Kuba, 1970 nach Deutschland“, erzählt Fraenkel.
In das „Land der Täter“ zu gehen, war für den Juden keine einfache Entscheidung. Der Holocaust hatte sein Bild von Deutschland geprägt. Vor allem seine Eltern konnten den Entschluss nicht nachvollziehen. „Die wollten in ihrem Leben nie wieder nach Deutschland zurückkehren“, sagt Fraenkel. Das taten sie dann doch, nachdem ihr Sohn in Deutschland Fuß gefasst hatte. „Es war für sie aber schon eine Überwindung uns hier zu besuchen“, erinnert sich Fraenkel.
„Uns“ – das waren Fraenkel, seine Ex-Frau und die vier gemeinsamen Kinder. Seit 1984 lebt Fraenkel in Braunschweig und unterrichtet mit Leib und Seele Mathe und Physik an der Waldorfschule. Seine Kinder machten auf der Schule ihr Abitur. Inzwischen ist die Familie in der ganzen Welt verstreut – Brasilien, Kanada, Deutschland. „Einer meiner Söhne hat in diesem Jahr in Genf geheiratet. Da waren wir zum ersten Mal seit acht Jahren wieder alle versammelt.“ Fraenkel ist nicht mehr der einzige Weltbürger in der Familie.
Seine Beziehungen zu seinem Heimatland sind weiter stark ausgeprägt, auch wenn seine Eltern, die bis zu ihrem Tod in Sao Paulo lebten, nicht mehr am Leben sind. „Über Freunde und Bekannte sowie das Internet informiere ich mich regelmäßig über das politische und gesellschaftliche Geschehen. „In deutschen Zeitungen stehen leider nur selten Artikel über Brasilien“ bemängelt der Lehrer.
Er hat sich auch mit einem sozialen Projekt in seinem Heimatland engagiert. Zusammen mit einigen Schülern unterstützt er eine Armenschule. Benefizveranstaltungen wurden organisiert und Spenden gesammelt: Insgesamt kamen 50 000 Euro zusammen. Der Höhepunkt des Projekts: Mit seiner Klasse fuhr Fraenkel nach Brasilien. Dort bauten sie einen Aufenthaltsraum für die Schule. „Am wichtigsten war es für mich, dass zwischen meinen und den brasilianischen Schülern auch ein umfangreicher kultureller Austausch stattfand“, sagt Fraenkel.
In einigen Jahren steht bei ihm eine grundsätzliche Entscheidung an. „Wenn ich in Pension gehe, ist die Rückkehr nach Brasilien eine ernsthafte Alternative“, so der Lehrer. Es wird eine schwere Entscheidung. Fraenkel fühlt sich in beiden Ländern wohl. Seine Gefühle spielen ihm bei dieser Frage immer einen Streich. „Wenn ich Fußball in Deutschland schaue, bin ich für Brasilien. In Brasilien, bin ich dann aber für Deutschland“, erklärt Fraenkel – ganz Weltbürger eben.
Mehr Informationen über das Brasilien-Projekt von Fraenkel stehen im Internet unter der Adresse www.brasilien.waldorfschule@waldorfschule-bs.de
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