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Nähe in Zeiten des Internets

Im Betahaus materialisiert sich die Netzgemeinde – Selbstbestimmung als Lebensziel.

Von Marion Korth, 04.07.2012.

Braunschweig. „Hallo, ich bin Lena!“. Lena ist Unternehmerin und Vermieterin in großem Stil. Die 31-Jährige ist Mitbegründerin und geschäftsführende Gesellschafterin des Betahauses in Hamburg. Dort ist eine der Keimzellen, in der die digitale Bohème der Internet-Enthusiasten gerade die Arbeitswelt neu erfindet.

Am Montag sprach Lena Clausen auf Einladung des Marketing Clubs im Pressehaus, die nB traf sich vorher mit ihr.
In Braunschweig gibt es die Beratungsstelle für Eltern in Trennungssituationen und Alleinerziehende, die unter der Abkürzung Beta firmiert. Das Betahaus aber entlehnt seinen Namen der Computersprache. Beta-Versionen von Programmen befinden sich noch in der Testphase, an ihnen wird gearbeitet, verändert, verbessert. Das Werden und Wachsen, die Veränderung ist das Wesen dieses Hauses, in dem Selbstständige sich für einen Tag, Wochen oder Monate zum Arbeiten einmieten können. „Flex-Desks“ heißen die Tische, die jeden Tag neu besetzt werden, abends leergefegt sein müssen. Das papierlose Büro ist auch im Betahaus nur Illusion. Zum Glück gibt es Regalboxen als Zwischenlager. Neulich sei eine „Spiegel-online“-Redakteurin zum Selbstversuch da gewesen. „Der hat das gar nicht gefallen, dass sie angesprochen worden ist“, sagt Lena. Dabei gehört das zum Prinzip, die guten Geister, im Betahaus heißen sie „Hosts“ müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben, um Wünsche erfüllen, Kontakte anbahnen zu können. Der Zufall mischt die Mieterschar immer wieder neu. Berechnet wird die Vermietung eines Arbeitsplatzes. „Aber die Leute zahlen eigentlich für das andere, den Austausch“, sagt Lena Clausen. Jedes Homeoffice sei bequemer als die Ikea-Tische und Stühle, die sie bietet. Der Reiz liegt woanders. Im Betahaus materialisiert sich die digitale Netzgemeinde. Menschen, die über Facebook und Twitter in Kontakt stehen, sich oft genug nur unter ihren erdachten Nicknames kennen, brüten nicht mehr allein vor sich hin, sondern treffen sich als reale Menschen. Sie reden über ihre Projekte, der Programmierer findet sich mit dem Werbegrafiker für einen Auftrag zusammen, der Unternehmensgründer sammelt Anregungen für sein Start-up. Sie alle eint, dass sie ihr Leben und das Internet sehr genießen, sagt Lena. Sie wollen es weiterentwickeln und mit neuen Ideen füllen. „Sie suchen nach Sinnhaftigkeit und Entfaltung.“ Der Erlösgedanke bestimmt nicht mehr ihr Handeln.
„Es findet ein Wertewandel in der Gesellschaft statt“, meint sie. Der persönliche Preis der 80-Stunden-Arbeitswoche sei vielen zu hoch. Manche Großkonzerne hätten darauf reagiert. Die Otto-Versandhausgruppe oder auch die Tui nutzen das Betahaus, um die eigenen kreativen Köpfe wieder frei zu bekommen und die Zusammenarbeit mit anderen zu suchen. Ob als Beraterin oder Betahaus-Mitbegründerin, Lena sieht ihre Aufgabe im Brückenbauen, auf beiden Seiten bestünden extreme Berührungsängste.
Aber auch Lobbyarbeit sei erforderlich, Wirtschaftsförderung im Miniformat, denn wer im Internet unterwegs ist, braucht nicht viel, um eine Unternehmensidee zum Laufen zu bringen.
Die Schattenseiten der Selbstständigkeit kennen die Kreativen allerdings auch, die Sorge, ob der nächste Auftrag kommt. Für die meisten sei eine Festanstellung jedoch nicht mehr erstrebenswert. Für Lena auch nicht: „Wenn man erst einmal so viel Selbstbestimmung kennengelernt hat, wird es schwierig.“ Das wiegt alles andere auf, auch wenn ihr Vater ihre Stellung und ihren Verdienst als prekär bezeichnen würde. Dann kommt sie ins Grübeln. „Morgen habe ich meinen ersten freien Tag seit zwei Jahren. Mist! Was ich anderen anbiete, enthalte ich mir selbst vor“, sagt sie und lacht.
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