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Mutterliebe, die immer wieder von vorn beginnt

Für 14 Kinder war Dagmar Kudlatschek bereits Ersatzmama auf Zeit – Als „Notfallmutter“ springt sie ein, wenn Eltern an ihre Grenzen stoßen.

Von Marc Wichert, 23.01.2012.

Braunschweig. Dagmar Kudlatschek lacht viel. Und Dagmar Kudlatschek sorgt sich häufig. Die 61-Jährige ist eine von drei „Notfallmüttern“ in Braunschweig. Und steht in dieser Rolle seit sieben Jahren und 14 Kindern zwischen Bangen und Hoffen.

Gerade ist die Welt in Ordnung. Der kleine Henri sitzt auf dem Arm von „Papa“ Heinz und bekommt Küsschen. Dagmar Kudlatschek beugt sich ganz nah an das Gesicht von Henri und lächelt. „Na mein Süßer. Ja freust du dich?“ Ihre Stimme singt.
Henri ist das 14. Kind von Dagmar Kudlatschek, das nicht ihr eigenes ist. Die 61-Jährige und ihr Mann sind eine sogenannte Notfallfamilie, der offizielle Name dafür ist Fbb. Das Kürzel steht für Familiäre Bereitschaftsbetreuung. Und es steht für einen Ablauf, der immer dann einsetzt, wenn ein Kind von den zuständigen Behörden zum eigenen Schutz aus seiner Familie genommen wird (siehe Interview).
Henri lebt seit seinem sechsten Lebenstag bei der Familie, Dagmar Kudlatschek ist seine Hauptbezugsperson. Henris leibliche Mutter ist geistig behindert. Schon vor der Geburt gab es deshalb Beratungsgespräche. Nach der Geburt, noch im Krankenhaus, wurde dann die Überforderung der Mutter offenbar. Fast acht Monate ist der Kleine nun also in der Obhut der Kudlatscheks, die selbst zwei erwachsene Kinder haben.
Vorgesehen ist gewöhnlich eine Dauer von längstens sechs Monaten. Und eigentlich sollte Henri so bald wie möglich wieder zu seiner Mutter. Ein Richter entscheidet über den weiteren Weg.
„Die Kinder sollen im besten Fall wieder in ihre Herkunftsfamilie zurück“, sagt Dagmar Kudlatschek. Oder in eine Pflegefamilie. Bei beiden Optionen gilt: je schneller, desto besser für die Kinder. Jeder weitere Tag bei den Kudlatscheks macht eine Trennung schwieriger – für das Kind sowieso, aber auch für die Ersatzmama. Zumal Dagmar Kudlatschek nie weiß, wie lange ein Kind bleiben wird.
Aber egal, wie der Richter entscheidet, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Henri fort muss. Umso inniger sucht sie den permanenten Kontakt zum Kleinen. Der 61-Jährigen ist keine Anstrengung anzumerken, es scheint, als habe sie nie etwas anderes gemacht. Die Erfahrung einer vielfachen Mutter liegt in ihren Sätzen, ihrer ruhigen Stimme, ihren Handgriffen, wenn sie Henri in „seinem“ Kinderzimmer wickelt oder ihn mit Birnenmus füttert, während er auf ihrem Schoß sitzt. Auch die oft gehörten Geschichten junger Eltern von schlaflosen Nächten und dauerschreienden Kindern wird man von ihr nicht hören.
Das Kinderzimmer liegt praktischerweise direkt neben dem „elterlichen“ Schlafzimmer. Hier hat Henri sein kleines Reich. Ein Wickeltisch steht darin, das Kinderbettchen, Spielsachen und Kuscheltiere in den Regalen, Mobiles an der Decke. An den Wänden ringsum eine Bildergalerie, wie sie vielleicht in Kindergärten zu sehen ist, aber nicht im Kinderzimmer eines Ehepaares im Vorruhestand. Unzählige Fotos, Andenken an schöne Momente, Dutzende strahlende Gesichter schauen dem Betrachter entgegen.
Hinter jedem Kind steckt eine Geschichte, und Dagmar Kudlatschek kann viele Geschichten erzählen. Dabei scheint es, dass das Erzählen darüber die Sorgen vertreiben soll, die immer wieder hochkommen. Die Sorge darüber, was mit Henri passieren wird, wenn er irgendwann nicht mehr da ist. Die Sorge um die Kinder, zu denen sie keinen Kontakt mehr hat. Denn ob der weiterbesteht, hängt nicht von ihr ab, sondern von der Familie, in die das Kind kommt.
Wie geht sie mit dieser ständigen Hin- und Hergerissenheit um? „Das ist schwierig“, sagt sie. Gerade wenn sie ein Kind abgeben müsse, fühle sie Verzweiflung, eine unheimliche Leere. Die beiden heulen sich dann die Augen aus dem Kopf. „Aber ich sage mir dann: Ich habe das Kind betreut, es hat es gut gehabt. Und vor allem wird das Kind eine gute Zukunft haben.“ Das rede sie sich immer wieder ein, denn Einfluss darauf hat sie nicht.
Mit einigen „ihrer“ Kinder hat sie weiterhin Kontakt. Zu Pascal etwa, den sie vier, fünf Mal im Jahr sieht. Er nennt sie dann Oma. Pascal ist zu Pflegeeltern gekommen. „Die sind so toll, wenn ich weiß, dass die Kinder zu solchen Leuten kommen, fällt mir der Abschied nicht ganz so schwer.“
Wie lange dauert es, bis sie darüber hinweg ist? „Man kommt nie darüber hinweg“, sagt sie ohne zu überlegen. Als Ausgleich hat die ehemalige Zahntechnikerin ihren Sport, gibt zweimal die Woche Kurse in Rückengymnastik. Ablenkung muss sein.
Ihr Mann Heinz, der zwischendurch immer wieder seine Arbeit im Flur unterbricht, wo er gerade eine Tür einbaut, sagt: „Es ist eine harte Geschichte, wenn die Kinder weg müssen. Was wir machen, ist ja kein Job. Wir möchten den Kindern ein Heim geben. Aber ich sage immer, wir sind groß, wir müssen’s verstehen. Die Babys sind noch klein“, sagt der ehemalige Elektrotechniker. In Erinnerung blieben ihnen alle. Die einen mehr, die anderen weniger. Christoph zum Beispiel wird Dagmar Kudlatschek nie vergessen. Oder Marcel. Oder Lina. Die Namen und Geschichten sprudeln aus Dagmar Kudlatschek heraus. Es scheint, als habe sie dann eine imaginäre Tabelle vor Augen, mit Namen, Daten, Gründen, Gesichtern, Abschieden.
Christoph war das erste Kind bei dem Ehepaar, im Frühjahr 2005 war das. Dagmar Kudlatschek hatte von einer Bekannten von der Bereitschaftspflege gehört. Ihre eigenen Kinder waren erwachsen, Zeit war vorhanden, ihr Mann fand’s gut.
Die Liebe zu den Kindern war ihr Antrieb. Die merkt man ihr an. Immer wieder gibt sie Henri Küsschen, nimmt ihn von seiner Spielwiese im großen Wohnzimmer hoch auf den Schoß, nestelt an ihm herum, drückt ihn an sich. Bald muss Henri gehen, das wissen beide. Dann wird vielleicht nichts weiter bleiben als die Fotoalben, die sie wie von allen Kindern angelegt haben. Und die Hoffnung, dass der Kontakt bestehen bleibt. Zu den Kindern, die nicht ihre eigenen sind. Die sie aber wie ihre eigenen behandelt. Immer wieder von vorn.
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