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Mit den Fingern leichter lernen

Unordnung mit System: Dr. Sven Nommensen, Leiter der Museumspädagogik (links), und Peter Gerjets, Leibniz-Institut für Wissensmedien, stellen den „Multi-Touch-Tisch“ vor. Foto: T.A.

Neu entwickelter „Multi-Touch-Tisch“ verbindet moderne Technik mit psychologischem Wissen.

Von Marion Korth, 20.08.2014.

Braunschweig. Ein bisschen unordentlich sieht es auf dem neuen Tisch aus. So als hätte jemand eine Mappe mit bunten Bildern ausgekippt. Aber das Chaos hat System, die Bilder sind nicht irgendwelche Bilder, und der Tisch ist nicht irgendein Tisch. Er stellt die Wissensvermittlung im Herzog- Anton-Ulrich-Museum auf völlig neue Füße.

Die Tischplatte ist eigentlich ein großer berührungsempfindlicher Bildschirm, bei den digitalen Bildern handelt es sich um eine Auswahl der derzeit in der Ausstellung „Epochal“ gezeigten Kunstwerke. Eine Art Riesen-Smartphone oder Tablet-Computer, zumindest die Art der Bedienung erinnert daran. Die Bilder lassen sich mit der Hand hin- und herschieben, mit einer auseinanderziehenden Bewegung vergrößern und umgekehrt verkleinern. Ein Fingerdruck – und das Bild dreht sich, auf seiner Rückseite finden sich weiterführende Informationen über den Maler, das Entstehungsjahr, Besonderheiten der Bildkomposition, Bildmotive. Der Nutzer entscheidet selbst, wie tief er einsteigen möchte.
Der Tisch ist keine technische Spielerei, sondern in einem engen und intensiven Austausch mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien an der Universität in Tübingen und den Kunstfachleuten des Herzog-Anton-Ulrich-Museums entwickelt worden. „Wir wollen keinem Trend hinterherlaufen“, betont Dr. Sven Nommensen, Leiter der Museumspädagogik. Nicht was technisch machbar ist, sondern was technisch sinnvoll für die Vermittlung kunstgeschichtlicher Inhalte ist, wurde Teil der Neuentwicklung. Das System berücksichtigt dabei grundlegende Erkenntnisse der Psychologie. So fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Schieben der Objekte es einfacher macht, Inhalte zu erfassen, die Interaktion fördert zudem die Informationsvermittlung. Dem Fingerzeig auf dem „Multi-Touch-Tisch“ kommt dabei eine besondere Rolle zu. „Die visuelle, räumliche Information kann direkt am Finger besser verarbeitet werden“, erläutert Peter Gerjets vom Leibniz-Institut.
Für das Textverständnis sei es hingegen besser, wenn sich das Bildschirmfenster leicht versetzt links oder rechts vom Betrachter öffnet. „Die vernetzte Information ist auf jeden Fall besser als die lineare auf Papier“, sagt Gerjets.
Besondere Anforderungen ergaben sich auch für die Texte. Gerjets: „Die Neugierde hält nur kurz an, ist nach fünf Sekunden weg, in dieser Zeit muss es gelingen, das Interesse zu halten, Zuversicht zu wecken, dass der Text verstehbar ist, und er muss mit einem Aha-Erlebnis enden.“ Gar nicht so einfach, das alles mit kunsthistorisch Relevantem und sachlich Richtigem zu kombinieren.
Noch bis zum März dauert der Probelauf in der Burg Dankwarderode, begleitet von einer Fragebogenaktion. Außerdem ist über dem Tisch eine Kamera installiert, um das Nutzerverhalten der Besucher zu dokumentieren. Alles wird ausgewertet, um das System noch besser zu machen.
Die Bewertung sei bislang überwiegend gut. Der Kommentar zweier sieben und neun Jahre alter Mädchen „Opa fand’s auch gut“, freut die Entwickler. Auch sie haben viel dazugelernt. So war der Tisch anfangs aufgeräumt, die Bildkarten geordnet abgelegt mit dem Ergebnis, dass die Besucher sich nicht recht an ihn herantrauten. Das Durcheinander jetzt scheint die Angst zu nehmen, etwas durcheinanderbringen oder gar zerstören zu können.
Wenn im nächsten Jahr die 2009 begonnene Kernsanierung des Haupthauses an der Museumsstraße abgeschlossen sein wird, kommt dort ein doppelt so großer Tisch mit vierfach höherer Bildauflösung hin. 100 Objekte aller Gattungen und Epochen sollen abrufbar sein, können zudem auf einer Zeitleiste oder auch einem Lageplan den Ausstellungsräumen im Haus zugeordnet werden. iPads zum Ausleihen werden das Angebot ergänzen, außerdem gibt es eine kostenlose App zum Herunterladen.
Die über drei Jahre mit 1,3 Millionen Euro und zusätzlichem Personaleinsatz geförderte Grundlagenforschung erregt überall aufsehen. Sogar ein Krankenhaus hat sich gemeldet und Interesse an einem solchen multimedialen Tisch bekundet, um Patientenakten effektiver sichten und ordnen zu können.
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