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„Man muss sein Kind kennen“: Verantwortung statt Verwaltung

Der Fall Kevin und seine Folgen – Persönlicher Kontakt zum Mündel bestimmt heute die Arbeit.

Von Marion Korth, 09.03.2014.

Braunschweig. Ein kleiner Junge wird tot im Kühlschrank gefunden. Vernachlässigt, misshandelt, eingewickelt in Müllsäcke. Das Jugendamt wusste von den prekären Familienverhältnissen. Aber man hat dazugelernt. Was sich seit Bekanntwerden des Falls Kevin aus Bremen 2008 geändert hat, war Thema eines Pressegesprächs.

„In fast allen diesen schlimmen Fällen ging es um Amtsvormundschaften“, sagt Norbert Winkler, der Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie. Die gesetzlichen Vorgaben haben sich geändert, seit 2008 hat sich die Behörde neu aufgestellt. Personell wurde aufgestockt. „Das geht allein auf kommunale Rechnung“, sagt Winkler. Für die Mitarbeiter im Jugendamt waren die Vormundschaften vorher nur eine Aufgabe von vielen. Persönliche Kontakte gab es, aber eher selten. Auf einen Mitarbeiter kamen 80 bis 90 Mündel, heute dürfen es um die 45, 50 höchstens sein.
„Ich lebe in einer Pflegefamilie, seitdem ich 20 Tage alt bin“, sagt Angie Jankowski. Gerade ist sie 18 geworden, die Amtsvormundschaft endet mit Erreichen der Volljährigkeit. Angie erinnert sich an drei verschiedene Vormünder, die Zahl der persönlichen Kontakte kann sie locker an zwei Händen abzählen. Mit ihrer letzten und vierten Vormünderin Dagmar Wucherpfennig verbindet sie mehr, die beiden haben sich regelmäßig gesehen, haben zusammen Eis gegessen, anstehende Themen besprochen.
Dagmar Wucherpfennig kennt noch die Zeiten, in der die Betreuung der Vormundschaften eher ein Verwaltungsgeschäft war. „Ich war mir früher der Gefahr nicht bewusst“, sagt sie ehrlich. Heute möchte sie nicht über jemanden entscheiden, den sie gar nicht kennt. „Wir sind verpflichtet, einen engen Kontakt zu haben, man muss ’sein Kind’ kennen, muss sich überzeugen, dass es dem Mündel gut geht“, verdeutlicht Doris Dankemeier, die die Amtsvormundschaftsstelle der Stadt leitet. Besuche einmal im Monat im häuslichen Umfeld des Kindes sollen das sicherstellen. In Fällen wie bei Angie, in denen es gut läuft, darf die Pause auch mal größer sein, in anderen kürzer.
Die Ansprüche haben sich verändert, die Arbeit auch. Die Mischarbeitsplätze wurden aufgelöst, fünf Mitarbeiter, darunter seit einem Jahr die Sozialpädagogin Nora Friebe, kümmern sich jetzt ausschließlich um die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern nicht in der Lage sind, im Interesse ihrer Kinder zu handeln. Suchtprobleme, Alkohol spielen da oft eine Rolle oder auch, dass die Mütter selbst noch minderjährig sind. Die meisten Kinder, die per Gerichtsbeschluss einen Amtsvormund bekommen, leben in Pflegefamilien oder Jugendeinrichtungen. In Alltagsentscheidungen mischen sich die Vormünder nicht ein, aber wenn es darum geht, einen Personalausweis zu beantragen, ein Konto zu eröffnen, über einen Schulwechsel oder Operationen zu entscheiden, dann sind sie am Zug. „Aber man muss sich gut absprechen. Wenn es ein Schulthema ist, dann fahre ich eben in die Schule und informiere mich“, sagt Dagmar Wucherpfennig. Auch als Angie unbedingt ein Piercing haben wollte, die Pflegeeltern aber Nein sagten, war Diplomatie gefragt. Und wie ging die Geschichte aus? Dagmar Wucherpfennig muss lachen, Angie auch: „Ich habe mir das Piercing selbst gestochen, und es hat sich entzündet …“
Wenn die Vormundschaft endet, dann endet meistens auch der Kontakt ins Jugendamt. Bei Angie und Dagmar Wucherpfennig könnte das anders werden, in jedem Fall ist die junge Frau auf einem guten Weg: „Am 1. August beginne ich meine Ausbildung zur Altenpflegerin, meine Pflegeeltern werden mich adoptieren.“
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