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„Lückenbüßer“ im besten Sinn: Welches Potenzial steckt im Fahrrad?

Für Professor Dirk Konietzka und Amrit Bruns ist das Fahrrad unverzichtbares Verkehrsmittel, welches Potenzial es im Verbund mit Bus und Bahn hat, untersucht derzeit das TU-Institut für Sozialwissenschaften. Fotos: T.A.
 

Studie zum Mobilitätsverhalten im Großraum: „Zukunft der Mobilitätskette: das Fahrrad als Scharnier“.

Von Marion Korth, 09.07.2016.

Braunschweig. Das Zukunftsszenario sieht so aus: Jüngere Menschen zieht es in die Stadt, zurück bleiben entleerte Dörfer und alte Menschen. Sinkende Fahrgastzahlen werden den öffentlichen Personennahverkehr aushöhlen. Was das mit dem Fahrrad zu tun hat? Eine Menge.

Am Institut für Sozialwissenschaften der TU Braunschweig wird untersucht, wie die Mobilität von morgen im Großraum Braunschweig aussieht und welche Rolle das Fahrrad dabei spielen kann.

Das Interesse gilt den Mobilitätsketten: Wer nutzt welches Verkehrsmittel für welche Wege, wie verknüpft er sie, gibt es Unterschiede in Stadt und Land? Die Soziologen wollen herausfinden, ob das Fahrrad ein Scharnier sein kann, das unterschiedliche Verkehrsmittel miteinander verbindet. Im Oktober vergangenen Jahres hat das auf drei Jahre ausgelegte Projekt begonnen. Mit einer ersten Erhebung, die derzeit ausgewertet wird, haben die Wissenschaftler sich warmgelaufen. 400 Menschen wurden online und postalisch befragt, für welche Wege sie welche Verkehrsmittel nutzen. Etliche haben über drei Wochen ein persönliches Nutzertagebuch geführt. Eine erste überraschende Erkenntnis gibt es schon: Viele packen ihr Fahrrad in den Kofferraum, fahren mit dem Auto bis an die Stadtgrenzen und steigen dann aufs Rad um. „Das haben wir so nicht erwartet“, sagt Amrit Bruns, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin gemeinsam mit André Tatjes das Projekt betreut. Dann schon eher, dass Menschen auf dem Land das Rad seltener nutzen als die in der Stadt. Gründe dafür: Das Auto steht immer verfügbar vor der Haustür, fehlende Radwege, notwendige Transporte und oft genug das miese Wetter …

Im Herbst geht es mit einer repräsentativen Telefonumfrage mit 1000 zufällig ausgewählten Teilnehmern richtig los. „Als Soziologen wollen wir uns ein Bild von der Lebensrealität der Menschen machen, wie leben sie, in welchen Haushalten“, beschreibt Dirk Konietzka die Aufgabe. Die politische Aufgabe ist größer: „Was machen wir mit den Menschen, die vom ÖPNV abgehängt werden?“ Den Gesamtanteil der Fahrradfahrer zu steigern, ist erklärtes Ziel, doch die Frage ist wie.

Die Studie soll sie beantworten, praxisrelevante und übertragbare Lösungsvorschläge machen. Der Großraum Braunschweig bietet sich als Untersuchungsraum an, sowohl was die Bedeutung des Statussymbols Auto angeht, als auch seine Struktur und die demografischen Entwicklungen. „Statt jede Milchkanne anzufahren, könnte eine Folge der Studie sein, dass Knotenpunkte geschaffen werden, die die Menschen gut mit dem Rad erreichen können und von denen aus mit enger Taktzahl Busse oder Bahnen fahren“, sagt Amrit Bruns. „Ein Ergebnis könnte aber auch sein, dass man den Aspekt des Fahrradfahrens überschätzt“, sagt Konietzka. Immerhin geht es auch um liebgewordene Gewohnheiten, über Jahrzehnte eingefahrene Routinen und eine Alltagslogik, nach der Auto fahren schlicht und ergreifend Spaß macht. Dies dürfe man nicht vergessen.

Dabei ist das Fahrrad auf Distanzen bis fünf Kilometer und noch etwas darüber unschlagbar und schneller als ein Auto. Unbestritten ist auch, dass Fahrrad fahren mehr Lebensqualität schafft, einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit leistet, klimaschonend und umweltfreundlich ist. Als Anreize zum Umstieg ziehe das allein aber nicht, gibt Konietzka zu bedenken. Auch Kopenhagen habe nicht die Moral zur Fahrrad-Vorzeigestadt gemacht, sondern extreme Kosten für Autonutzer. Den politischen Willen für einen solchen Umschwung sieht der Sozialwissenschaftler in Deutschland nicht, aber durchaus Luft nach oben, was die Bedeutung des Fahrrades als Verkehrsmittel der Zukunft angeht. Dazu reicht ein Blick in die Niederlande. Ältere Menschen sind heute zudem fit und gesundheitsbewusst, haben einen hohen Bildungsgrad. All das sind seiner Meinung nach gute Gründe, dass in Zukunft mehr Menschen Rad fahren.

Nachgefragt

Welche Rolle spielt das Fahrrad in Ihrem Leben? Ist es Freizeitvehikel, Sportgerät oder fester Bestandteil Ihrer persönlichen Mobilitätskette?

Professor Dirk Konietzka: „Mein Fahrrad steht draußen vor der Tür. Damit fahre ich nachher wieder zum Bahnhof und dann mit der Bahn nach Hause.
Wenn ich an den Weg vom Bahnhof hierher denke, so ist der bauliche Zustand mancher Fahrradwege katastrophal, insbesondere der Bültenweg ist für Fahrradfahrer fürchterlich.“

Amrit Bruns: „Ich fahre nur mit dem Rad. Ich habe zwar einen Autoführerschein, aber Strecken unter fünf Kilometern sind viel entspannter mit dem Rad als mit dem Auto zu fahren. Was mich stört: unklare Wegeführungen und nicht fahrradfreundlich geschaltete Ampeln.“
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