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„Kulturabgabe wäre gerecht“

Domprediger schlägt eine neue Abgabe vor.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 12.01.2011

Braunschweig. Eine neue Abgabe für mehr Gerechtigkeit – dafür warb Domprediger Joachim Hempel beim Neujahrsempfang.

Um den Sinn und die Notwendigkeit einer möglichen „Kulturabgabe“ zu verdeutlichen, erzählte Hempel von „seinem“ Dom: „Nur 30 Prozent der Gemeindemitglieder zahlen Kirchensteuer, weil nur diese 30 Prozent überhaupt ein versteuerbares Einkommen haben.“ Aber alle anderen – auch die, die gar nicht zur Kirche gehören – würden den Dom in der Mitte ihrer Stadt schätzen, meistens lieben und gern ihren Freunden und Verwandten zeigen, wenn die zu Besuch in Braunschweig wären.
„Aber der Unterhalt des Doms soll ausschließlich aus der Kirchensteuer bezahlt werden“, sagte Hempel, „das ist ungerecht.“ Sein Vorschlag: Eine breite Diskussion darüber, ob und wie Kulturgüter wie beispielsweise Kirchengebäude erhalten werden sollen. „Eine Kulturabgabe wäre da eine gerechte Lösung“, sagte Hempel, „und die Menschen, die bereits Kirchensteuer bezahlen, wären von dieser neuen Abgabe befreit.“

Eine mögliche Kulturabgabe war Thema beim gemeinsamen Neujahrsempfang von Dom und Landesmuseum. Beim Gottesdienst zuvor stand die Bedeutung der Wahrheit im Mittelpunkt der Predigt. Unter den Gästen war auch Wissenschaftsministerin Johanna Wanka.

„Die wertvollen Wandmalereien im Dom drohten abzubröckeln“, machte Hempel die Situation deutlich, ein Spendenaufruf sei so erfolgreich gewesen, dass gemeinsam die aufwendigen Renovierungsarbeiten durchgeführt werden können. „Das werden wir bis Ostern hinbekommen“, sagte der Domprediger. „Aber dann brauchen die Türme am Dom neue Dächer“, sagte er, „was machen wir? Schon wieder einen Spendenaufruf?“ Das könne so nicht funktionieren.
Kirchen wie der Dom seien ein wichtiges und allgemeines Kulturgut, das die Stadt präge und den Menschen ans Herz gewachsen sei. Und das gelte nicht nur für den Dom, sondern für die vielen anderen Kirchen der Stadt ebenso. Deshalb seien auch alle Bürger gemeinsam verantwortlich für den Erhalt. „Es wäre nur gerecht, wenn sich alle Braunschweiger am Erhalt der Gotteshäuser beteiligen würden“, sagte Hempel.
Grundsätzlich wünsche er sich eine breite Diskussion darüber, was Kirche und Kultur der Gesellschaft wert seien, und wie und in welchem Umfang sie in Zukunft finanziert werden sollen.
„Liebe Christen, liebe mehr oder weniger Gläubige, liebe Zweifler“, hatte Hempel zuvor mehrere Hundert Braunschweiger zum Neujahrsgottesdienst begrüßt. Er sprach über die Wahrheit als den Kern des Christentums. Schuld bekennen, Verantwortung übernehmen – mit der Aussicht auf Verzeihung und Vergebung. Er blickte noch einmal auf die Weihnachtsgeschichte, auf die Menschen, die loszogen für eine Hoffnung, einen guten Gedanken. „Für welche Geschichte machen Sie sich auf den Weg?“, fragte er seine Gäste.
Dr. Heike Pöppelmann, Direktorin am Landesmuseum, erzählte von Mechthild von Magdeburg und ihrem Buch „Das fließende Licht der Gottheit“. Über das Leben dieser 1207 geborenen Frau ist nicht viel bekannt. Sie hat in Niederdeutsch geschrieben, der Sprache des Volkes und der Armen. „Eine eindrucksvolle Geschichte“, sagte die Museumsdirektorin und malte das Bild einer Zeit, in der Mechthild von Magdeburg trotz Anfeindungen und Krankheit ihren Weg mutig und unbeirrt ging und die Dinge beim Namen nannte.
Wissenschaftsministerin Professorin Dr. Johanna Wanka schließlich lobte beim anschließenden Empfang im Museumsfoyer die gute Nachbarschaft von Dom und Landesmuseum. Sie wünschte sich, den Gästen und allen Bürgern des Landes „ein wenig mehr Optimismus für das neue Jahr“ und bezog sich auf die ermunternden Worte des Liedes „Vertraut den neuen Wegen“, das die Gemeinde gerade kurz zuvor im Gottesdienst gesungen hatte. Einige Besucher allerdings bemerkten, dass die Ministerin den 1607 geborenen Kirchenmusiker Paul Gerhard als Liedautor nannte, während Klaus-Peter Hertzsch, Theologe in der ehemaligen DDR, das Lied 1989 für einen Trauergottesdienst für sein verstorbenes Patenkind komponiert hatte, und es wenig später in Jena zum Abschluss der Friedendekade nach Öffnung der Grenze gesungen wurde. Ein kleiner Fehler, der den schönen Empfang aber nicht wirklich störte.
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