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„Komm, das eine Bier kannst du noch vertragen“

Carsten Brandt hilft inzwischen anderen, ihre Alkoholsucht zu überwinden. Foto: Erik Beyen

Carsten Brandt ist bekennender trockener Alkoholiker. Er leitet in Schöningen die Selbsthilfegruppe „Lichtblick“.

Von Erik Beyen, 18.08.2017.

Schöningen. Es gebe ihn nicht, den einen Weg in die Sucht, sagt Carsten Brandt. Der Handwerkermeister aus Schöppenstedt ist Alkoholiker, trocken, aber Alkoholiker. Denn: „Davon hast du dein Leben lang etwas.“

In der Christuskirche Schöningen leitet er die Selbsthilfegruppe „Lichtblick“. Unserer Zeitung gab er dieser Tage eine Ahnung von dem, was Sucht für Betroffene und Angehörige bedeutet, eine düstere Ahnung und letztlich auch nur eine oberflächliche Vorstellung. In der Sucht seien sie alle gleich, so Brandt, doch der Weg hinein und im Idealfall wieder raus sei so individuell wie der Mensch selber.

Konsumsteigerung
Wann er zum Alkoholiker geworden ist, könne er gar nicht genau sagen. Irgendwann zwischen 1994 und 1998 müsse es passiert sein. Sein Konsum habe sich gesteigert. Erst die Jugendzeit, dann das Wochenendbier, Schützenfeste – im Laufe der Zeit sei es immer mehr geworden. „Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem dein Körper den Stoff braucht, um zu funktionieren“, weiß er heute. Viel zu spät, und so ist das auch mit der Erkenntnis: „Sobald man es selber merkt, ist es schon zu spät.“
Brandt stellte 2002 fest, dass irgendwas bei ihm nicht stimmt. Doch erst sein persönlicher Tiefpunkt habe bei ihm ein Umdenken bewirkt. Der sei nötig, um tatsächlich aus der Sucht zu finden, bemerkt er nebenbei.

Langzeittherapie
Es war die Zeit der Langzeittherapie Anfang des Jahres 2003. Diese hatte Brandt nach einigen erfolglosen Entgiftungen und einem Ultimatum seiner Frau, von der er inzwischen geschieden ist, endlich begonnen. Bis dahin galt nämlich immer wieder: „Was willst du denn, das eine Bier kannst du noch vertragen.“ „Und dann habe ich mehr gesoffen als jemals zuvor.“

Betroffene lügen sich die Welt zurecht, sagt er wohl wissend. Ein echter Teufelskreis. Doch diesmal sollte alles anders sein. In jenen Tagen hoffte er auf Besuch seiner Frau, doch die teilte ihm per Telefon kurz und knapp mit, sie fühle sich nicht gut und komme daher nicht. Punkt und Treffer. „Das war mein ganz persönlicher Tiefpunkt“, erinnert sich Carsten Brandt. Der Alkohol hatte nicht nur sein Wesen verändert, sondern auch das Leben seiner Familie zerstört. Brandt hat zwei inzwischen erwachsene Kinder.

Schleichender Prozess
Über Jahre hatte er seine Arbeit mehr schlecht als recht gemacht. Je intensiver er dem Alkohol zusagte, desto weniger nahm er am Familienleben teil. „Ich habe mich nur noch um den Alkohol gekümmert, alles andere interessierte mich nicht mehr.“ Die Folge: Seine Frau musste den Mann ersetzen, mehr und mehr Verantwortung alleine übernehmen, die sie vorher mit ihrem Partner geteilt hatte. Es war ein schleichender Prozess, wie die Sucht selber. Wahrgenommen hatte er ihn zunächst nicht, ganz im Gegenteil, denn mit der Wesensveränderung verändert sich die Wahrnehmung.

„Unheilbare Krankheit“
Seit dem 5. Februar 2003 ist er nun trocken, aber: „Ich leide an einer unheilbaren Krankheit“, sagt er, als solche gilt Alkoholismus. Inzwischen bestimmt diese sein Leben nicht mehr vordergründig, dennoch: Die Akzeptanz anderer für die Krankheit gebe es zwar, allerdings oft nur bis zum dritten Bier. Carsten Brandt meidet jede Assoziation, die ihn zurück zum Alkohol bringen könnte, etwa Limonade aus einem Bierglas. Anderen Betroffenen hilft er in der Selbsthilfegruppe „Lichtblick“ mit seinen Erfahrungen. Über die Sucht selber sprechen sie dort aber kaum, denn: „Es ist der böse Alltag, der den Rückfall auslösen kann.“ Und darum reden sie über die Irrungen und Wirrungen des täglichen Lebens. Eines, sagt er, habe er gelernt: „Den Weg durch das Leben geht niemand für dich.“

Die Selbsthilfegruppe trifft sich montags ab 18 Uhr in der Christuskirche Schöningen. Sie ist für Betroffene und Angehörige gleichermaßen offen.


Fakten
Laut Erhebungen des Bundesgesundheitsministeriums konsumieren in Deutschland 9,5 Millionen Menschen Alkohol in „gesundheitlich riskanter“ Form. Im Durchschnitt nimmt jeder Mensch etwa zehn Liter reinen Alkohol pro Jahr zu sich. 1,3 Millionen Menschen gelten gemäß eines Berichtes des Ministeriums vom 1. November 2016 als alkoholabhängig. Und nur zehn Prozent von ihnen begeben sich demnach in eine Therapie. 74 000 Menschen sterben Jahr für Jahr an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. Carsten Brandt traut keiner Statistik: „Die Dunkelziffer lässt sich nicht abschätzen“, sagt er. Seit dem 18. Juni 1968 gilt Alkoholismus übrigens als anerkannte Krankheit.
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