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„Kollege Pferd“ muss ein Bernhardiner sein

Auch das gehört zur täglichen Ausbildung: Der mutige Sprung über ein brennendes Hindernis. Wo andere Pferde scheuen würden, beweisen die vierbeinigen Polizisten der Polizeireiterstaffel aus Braunschweig Nervenstärke. Foto: Kleinschmidt/BestPixels.de

Treffen zwei rivalisierende Fußballclubs aufeinander, ist die Polizeireiterstaffel nicht weit – auch am Sonntag sind die mutigen Pferde im Einsatz.

Von Birgit Leute, 04.11.2016.

Braunschweig. Thomas Schäfer schiebt Kaffeetassen und Brottüten zur Seite. Eine Stunde vorher hat er in dem Pausenraum noch eine Besprechung abgehalten. Einziges Thema: Das Derby.

Schäfer ist Beamter der Polizeireiterstaffel und wird am Sonntag als Berittführer einen Trupp von zehn Reitern und Pferden leiten. An diesem Morgen wurden schon einmal die Marschrouten abgesteckt. Wer patrouilliert wo? Wo können neuralgische Punkte entstehen? Die Aufmerksamkeit sei ein bisschen höher als sonst, sagt Schäfer, aber sonst ginge man unaufgeregt an die Sache.

Längst Routine

„Mittlerweile sind wir jedes Wochenende bei Fußballspielen im Einsatz. Für uns und die Pferde ist es inzwischen Alltag“, erzählt er. Der erfahrene Polizist sitzt in Reithose und Stiefeln am Tisch und ist die Ruhe selbst. Ja, das Spiel Braunschweig-Hannover hätte eine besondere Brisanz. „Es gibt kaum zwei Clubs, die sich so feindselig gegenüberstehen“, weiß Schäfer. Aber die Staffel aus Braunschweig sei mit brisanten Spielen vertraut. „Wir fahren auch zu Begegnungen zwischen Münster und Osnabrück oder über die Landesgrenzen hinaus nach Magdeburg“, sagt Schäfer.
20 Pferde stehen im Stall am Grünen Ring in Querum – vom 16-jährigen „alten Hasen“, bis zum fünfjährigen Neuling. Allesamt Schwerarbeiter.
Steht kein Fußballspiel an, sorgen die „vierbeinigen Polizisten“ bei den Montagdemos von Bragida für Ordnung oder gehen im Braunschweiger Land auf Streife.
Viele Stunden stehen sie dafür im Hänger, müssen oft auf Asphalt gehen. Müssen johlende Fans, aggressive Demonstranten oder plötzlich vorbeizischende Böller mit größter Gelassenheit hinnehmen. Wer da Nerven zeigt, scheidet schnell aus.
„Wir fahren in ganz Niedersachsen umher und suchen uns die passenden Tiere“, sagt Schäfer.
Oft seien es großrahmige Hannoveraner, die schon allein durch ihre pure Masse Eindruck schinden. Doch erst das tägliche Training zeigt, ob auch die „inneren Werte“ stimmen. „Ein Polizeipferd muss ein Bernhardiner sein, kein Terrier“, sagt Schäfer schmunzelnd.

Übung macht den Meister

Sieben dieser „Bernhardiner“ üben an diesem Morgen mit ihren Reitern in der Halle. Im Sand verteilt liegen Bälle, Folien, Regenschirme – alles Dinge, denen ein „normales“ Pferd erst einmal mit größtem Misstrauen begegnen würde. Ruhig, aber konsequent schicken die Reiter die Tiere an die Hindernisse heran oder über sie hinweg.
Das Ziel ist klar: Zögern und Schnuppern sind OK, ein Zurückweichen wird allenfalls noch im Training toleriert, im Ernstfall nicht mehr. „Es ist die ständige Wiederholung, die dafür sorgt, dass die Tiere gelassener reagieren“, sagt Schäfer und deutet auf den Neuzugang Calimero, den die ungewohnte Situation im Gegensatz zu seinen altgedienten „Kollegen“ noch sichtlich nervös macht. Vom Boden aus sorgen die Polizeireiterinnen Nicole Blazy und Claudia von der Osten-Fabeck dafür, dass sich die Intensität der Reize laufend erhöht – bis zum Schluss explodierende Böller vor den Hufen landen.

Respekteinflößend

Warum werden überhaupt noch – und in den vergangenen Jahren sogar immer häufiger – Pferde in brenzligen Situationen eingesetzt? „Weil man in der Polizei erkannt hat, dass die Tiere Wirkung zeigen und selbst dem enthemmtesten Fan oder Demonstranten noch Respekt einflößen“, berichtet Nicole Blazy von Situationen rund um Fußballstadien oder im Zwischenlager Gorleben, bei denen ihre Kollegen zu Fuß meist aufs Schlimmste angepöbelt werden.
Und dann sei da noch die Faszination, die Pferde ausstrahlten. „Ihr Wesen und ihre Ästhetik berühren“, sagt Blazy, die seit
20 Jahren in der Reiterstaffel „Dienst schiebt“. „Pferde – das sind einfach Sympathieträger und für mich die treuesten Kollegen, die ich mir vorstellen kann.“
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