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Junges „Gehirn“ auf der Flucht vor der Krise

Vicente Barrachina hat es geschafft. Fotos: Anne-Sophie Wittwer

Vicente Barrachina kam von Zaragoza nach Braunschweig – Der junge Jurist machte sich als Vermögensberater selbstständig.

Von Birgit Leute, 19.10.2014.

Braunschweig. Jung, studiert, arbeitslos. Für spanische Jugendliche ist die Lage derzeit dramatisch: Mit mehr als 50 Prozent haben sie die höchste Arbeitslosenquote weltweit. Kein Wunder, dass das Ausland, – vor allem Deutschland – verlockend erscheint. Einer der die „Fuga de cerebros – die Flucht der Gehirne“ mitgemacht hat, ist Vicente Barrachina.

Weißes Hemd, Krawatte, dunkelblauer Anzug – vor mir steht ein selbstbewusster junger Mann mit tadellosen Manieren, den die Wirtschaftskrise im Heimatland offensichtlich nicht niedergedrückt hat.
Ganze Familie betroffen
Der 26-Jährige aus Zaragoza ist einer jener hoch qualifizierten Spanier, für die es zu Hause einfach keine Arbeit gibt. Fünf Jahre Jurastudium, davon ein Semester an einer amerikanischen Universität in Polen – nichts zählt derzeit im einstigen Boomland Spanien.
„Meine ganze Familie wurde von der Wirtschaftskrise getroffen“, sagt Vicente. Die ältere Schwester schlägt sich aktuell mit einem Job als Kellnerin durch, die Mutter und deren Geschwister sind arbeitslos. Für Vicente gab es nur eine Lösung – fortzugehen.
„Ich glaube die Situation ist ein bisschen wie in den Fünfziger Jahren“, sagt er nachdenklich. Damals hätten die Spanier auch nichts gehabt und Neues aufgebaut. Jetzt mit der neuen Armut seien neben den Problemen auch wieder neue Chancen entstanden, die man ergreifen müsste.
Nachtschicht-Einsatz
Vicente nahm die Herausforderung an. Er folgte ein paar Freunden, die sich auf den Weg nach Deutschland gemacht hatten. „Es leben viele von uns hier in Braunschweig“, erzählt er lachend von der kleinen wachsenden Gemeinde aus Zaragoza und Pamplona.
Auch hier flogen dem jungen Juristen nicht die gebratenen Tauben in den Mund. Das erste Jahr schuftete Vicente in der Filiale einer Fast-Food-Kette.
Nachts beim Ein- und Ausladen der Lkws, in der Küche und hinter dem Tresen verbesserte er sein Schul-Deutsch. Doch der ehrgeizige junge Mann wollte mehr. „Meine Freunde und Bekannten kamen bald bei VW unter. Es ärgerte mich, dass ich noch immer diese Aushilfsarbeiten machte“, sagt Vicente.
Bei einem Aufenthalt zu Hause in Zaragoza kam ihm eine Geschäftsidee. „Ich jobbte dort als Versicherungsvertreter und mir wurde schnell klar: Das ist es, was du machen musst, aber nicht in Spanien, sondern in Deutschland.“ Gesagt, getan: Vicente heuerte bei einer Agentur für Vermögensberatung an, und machte sich selbstständig. Seit rund einem Jahr betreut er vorzugsweise Kunden aus Südeuropa oder mit südamerikanischen Wurzeln.
Er hat ein eigenes Büro in Peine und bald ein zweites in Hannover. Der Laden brummt. „Es ist eine echte Marktlücke. Die Leute haben Vertrauen zu mir. Sie merken, da ist jemand, der unsere Sprache spricht, unsere Mentalität versteht“, sagt Vicente zufrieden.
Kein Weg zurück
Zurück nach Spanien? Das ist für ihn derzeit keine Option. „Ich will arbeiten, Karriere machen, eine Familie haben – das alles ist in Spanien im Moment nicht möglich. Aber was soll‘s: Heutzutage kann man überall arbeiten“, ist er überzeugt und verrät noch gleich sein Erfolgsrezept: Geduld haben und sich konkrete Ziele stecken.

In Kürze

Vicente Barrachina wurde 1988 in Zaragoza/Spanien geboren. Er studierte Jura und arbeitet seit einem Jahr als Vermögensberater speziell für Südeuropäer in Braunschweig und Peine.
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