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Jugendliche ausgenutzt

Unternehmen wollte Lehrstellensuchende für Akquise anwerben

Von Marion Korth


Braunschweig. „Schüler suchen Chefs – Chefs suchen Azubis“. Die Lehrstellenbörse in der nB bringt – wenn’s gut läuft – beide Seiten zusammen. Coupon ausfüllen und fertig. Auch Sven (Name von der Redaktion geändert) hat eigentlich einen Ausbildungsplatz gesucht und ein merkwürdiges Angebot erhalten.

Die Mutter des 17-jährigen Realschülers ärgert sich noch heute: „Da wird die Not der Lehrstellensuchenden ausgenutzt“, sagt sie. Sie ist sich sicher, dass ihr Sohn, wäre er auf sich allein gestellt gewesen, beinah in ein Verkaufssystem nach dem Schneeballprinzip geraten wäre. „Dann hätte er seine Freunde abklappern müssen, um ihnen Versicherungen und Finanzprodukte zu verkaufen“, sagt sie. Begonnen hat alles mit einem Anruf, zwei Wochen, nachdem Svens „Ausbildungsplatz-Suchmeldung“ in der nB veröffentlicht worden war.

Der Schüler selbst war am Telefon, den Namen der Firma, die sich da überraschend meldete, hat er nicht mitbekommen. Ein freundlicher Mann fragte nach seinem Alter.
Da Sven noch nicht 18 ist, soll ein Gesprächstermin gemeinsam mit seiner Mutter vereinbart werden. Dazu kommt es in einem zweiten Telefongespräch. Diesmal ist gleich die Mutter am Hörer. „Der Mann sagte nur seinen Namen, keine Firma. Und ich wollte nicht gleich nachfragen“, berichtet sie der nB.
Worum es bei der angebotenen Tätigkeit für den Sohn so ganz genau geht, weiß sie zwar immer noch nicht, aber zum vereinbarten Termin suchen sie gemeinsam das Unternehmen auf. Da sei es zugegangen wie in einem Taubenschlag, lauter junge Leute, die meisten ohne Begleitung.
Mutter und Sohn finden sich dann in einem Büro „zwei top-geschulten Männern“ gegenüber, die Sven für den Anfang anbieten, drei Monate in einer Art Praktikum Firma und Tätigkeit kennenzulernen. Für die Zeit danach stellten sie in Aussicht, dass Sven innerhalb von neun Monaten eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann mit IHK-Abschluss machen könne.
„Die Männer waren sehr nett, aber da klingelten bei mir die Alarmglocken“, erzählt die Mutter. Eine Ausbildung in nur neun Monaten? Das kam ihr komisch vor. „Außerdem hat mein Sohn wirklich nicht das Glanzzeugnis, aber darauf wurde im Gespräch gar nicht eingegangen.“ Danach erhielt die Familie eine Einladung ins Mövenpick-Hotel.
Geschäftskleidung sei erwünscht, hieß es darauf, außerdem sollte angekreuzt werden, mit wie vielen Personen man zu der Veranstaltung kommen wolle. Die Mutter wunderte sich, dachte sie doch zunächst, dass es sich um ein zweites Bewerbungsgespräch handele: „Aber dazu bringt man doch nicht die Familie mit…“ Misstrauisch geworden, recherchierte sie im Internet und wurde in ihrer Vorahnung bestätigt. „Von Strukturvertrieb war zwar nie die Rede, aber die Leute sollten losgeschickt werden, um Versicherungen und Finanzdienstleistungen zu verkaufen“, ist sie sich sicher. Es sei unseriös, dass damit hinter dem Berg gehalten werde und bei den Jugendlichen falsche Erwartungen geweckt würden.
Die nB fragte bei der IHK nach, was es mit der Kurzzeitausbildung auf sich hat. Es gibt ein Bildungswerk der Versicherungen, das in neun Monaten zum Versicherungsfachmann (nicht -kaufmann) ausbildet.
Inhaltliche Schwerpunkte seien Akquise und die branchenspezifische Produktinformation. Diese Ausbildung sei gut, „aber als Erstausbildung für einen Berufsanfänger nicht zu empfehlen“, sagt Gerhard Paul Hartwich (IHK Braunschweig).
Und Schulabgänger Sven? Der geht nun lieber doch nicht ins Versicherungsgeschäft, sondern demnächst auf die Teutloff-Schule.
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