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Im Winter dann eben mit Socken …

„Ich bin ziemlich zügig unterwegs“: Während wir noch die knifflige Verkehrssituation am Beginn des Madamenwegs (Ecke Juliusstraße) betrachten, ist Jens-Wolfhard Schicke-Uffmann (rechts im schwarzen Shirt) schon wieder ein ordentliches Stück weiter. Fotos (4): André Pause
 
Auf Luisen- und Frankfurter Straße werden Radfahrer mehrfach hintereinander ausgebremst: An so schlecht einsehbaren Einmündungen ist es besser, nicht auf seine Vorfahrt zu pochen.

Jens-Wolfhard Schicke-Uffmann ist fast nur mit dem Rad unterwegs – Auch schlechtes Wetter hält ihn davon nicht ab.

Von Marion Korth, 22.07.2016.

Braunschweig. Wann immer er in der Stadt unterwegs ist, dann auf dem Fahrrad, egal, ob die Sonne scheint oder ein eisiger Wind weht. T-Shirt, halblange Hose, offene Sandalen – im Winter ergänzt durch Socken und eine Regenjacke im Rucksack: Jens-Wolfhard Schicke-Uffmann, 29 Jahre alt, Informatiker und für die Piratenpartei im Rat der Stadt Braunschweig, ist kein Schönwetterradler.

„Ich habe keinen Autoführerschein, habe nie einen gemacht.“ Mit den zwei Kindern im Doppelanhänger wird es jetzt manchmal „spannend“ mit dem Rad unterwegs zu sein, aber 25 Kilogramm Lebensmittel darauf zu transportieren, sei überhaupt kein Problem. Das familieneigene Auto steht mehr, als dass es fährt und ständig sei die Batterie leer.
So viel zum Persönlichen, jetzt geht’s ins Praktische: Wir haben Jens-Wolfhard Schicke-Uffmann gebeten, uns ausgesuchte Beispiele für eine gelungene Radverkehrsplanung und Stellen mit Nachholpotenzial zu zeigen. Wir treffen uns am Gauß-Denkmal.

„Ich bin immer ziemlich zügig unterwegs“, sagt Schicke-Uffmann und tritt zum Beweis in die Pedale. Ich muss strampeln, um mit meinem kleinen Faltrad die Verfolgung aufzunehmen. Locker dazwischen André Pause, der uns als Fotograf und Radvielfahrer begleitet. Den Inselwall Richtung Süden hinunter. Fahrradstraße. Wir fahren zu dritt nebeneinander, was heute niemanden aufregt, die Straße hinter uns ist frei. Generell scheint sich die Akzeptanz der Autofahrer zu erhöhen: „Das regelmäßige Gehupe ist weniger geworden“, meint Schicke-Uffmann. Was eher ein Problem ist: 50 Prozent der Rad- und 50 Prozent der Autofahrer, so schätzt er, sind sich unsicher, wer in Fahrradstraßen Vorfahrt hat – nicht automatisch die Radfahrer, es gelten die üblichen Regeln, rechts vor links etwa. Generell aber seien die Fahrradstraßen „ein schönes Instrument“, um den Radverkehr voranzubringen. Ebenso die Einbahnstraßen, die für Radfahrer teilweise in Gegenrichtung geöffnet wurden. „Wer nicht so schnell unterwegs ist, kann einige wirklich gute Abkürzungen nehmen“, sagt Schicke-Uffmann. Die Durchgängigkeit der Innenstadt für Radfahrer ist in seinen Augen ebenfalls ein Pluspunkt.

Kurzer Stopp an der Querung Celler Straße. In einem Rutsch sind wir vom Inselwall aus auf der anderen Seite angekommen. Lob für die gut abgestimmte Ampelschaltung: „Hier kommt man fast in jedem Fall durch, weil die Lücke im Autoverkehr groß genug ist.“ Krasses Gegenteil und für Schicke-Uffmann „eine echte Katastrophe“ sind dagegen die Ampelschaltungen am Europaplatz. André Pause holt sein Smartphone hervor, um die Zeit zu stoppen, die wir von der Ampel auf der VW-Hallen-Seite über den Europaplatz bis zur Einmündung Kalenwall benötigen. Laut Routenplaner eine Wegstrecke von 160 Metern, für die wir zweieinhalb Minuten benötigen, weil wir alle paar Meter vor einer Ampel halten müssen.

„Die Ampel für die Straßenbahn schaltet hier immer aggressiv auf Rot, obwohl weit und breit keine Bahn in Sicht ist“, ärgert sich Schicke-Uffmann. Auch heute kommt keine Bahn, warten müssen wir trotzdem.
Eine „grüne Welle“ für Radfahrer sei rein technisch nicht zu machen, zu unterschiedlich ist das Tempo, mit denen die Leute unterwegs sind. Manches könnte besser angepasst sein, doch schon jetzt kann Schicke-Uffmann feststellen: „Ich bin mit dem Rad eigentlich immer schneller als Bus oder Auto.“ Gibt es für ihn einen Grund, irgendeinen Weg einmal nicht mit dem Fahrrad zurückzulegen? Er denkt nach: „Ja, wenn ich den Müll ’runterbringe, dann nehme ich nicht das Rad.“

Jens-Wolfhard Schicke-Uffmann hat die Piratenpartei fünf Jahre im Stadtrat vertreten. Die Radverkehrsplanung war auch politisch sein Thema. Als Mitglied der Radverkehrskommission – der Vertreter der Stadt, Politiker, Polizei oder auch Mitglieder von ADFC oder VCD angehören – hat er viele Planungen begleitet und einiges bewegt. Aus Radfahrersicht habe sich die Situation in Braunschweig auf jeden Fall zum Besseren entwickelt, sagt er. Limitierender Faktor sei wie in allen Bereichen das Geld.

Nun ist Schluss, noch eine Ratssitzung liegt vor ihm, zur Kommunalwahl im September wird Schicke-Uffmann nicht mehr antreten. Warum? „Als Piraten können wir nicht das ganz große Rad drehen, da muss man sich nichts vormachen. Wenn wir eine Chance haben wollen, dann nur, wenn wir Kandidaten mit Ecken und Kanten in den Rat schicken.“ Die Ecken und Kanten, räumt er selbstkritisch ein, könnten sich bei ihm etwas abgeschliffen haben. „Ich habe mich an so viel Kleinkram gewöhnt“, sagt er. Dinge, die ihn anfangs aufgeregt haben, zum Beispiel, dass viele städtische Informationen noch immer per Fax und nicht per Mail versandt werden, hat er jetzt hingenommen. Nicht, weil er das gut findet, sondern weil es so mühselig ist, dagegen anzugehen …
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