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Im Einsatz, wenn die Seele brennt

Petra Horaiske ist ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin der Berufsfeuerwehr Braunschweig tätig.

Von Marion Korth, 12.09.10

Braunschweig. Fast täglich begegnet ihr der Tod. Sie überbringt die Nachricht, sie bleibt bei den Menschen, die zurückgeblieben sind. Eine Statistenrolle, aber eine wichtige. „Ich bin einfach nur jemand, der sich Zeit nimmt“, sagt Petra Horaiske (48) von sich.

Die studierte Theologin und Pädagogin ist Notfallseelsorgerin, ehrenamtlich unterwegs im Auftrag der Berufsfeuerwehr Braunschweig, hauptamtlich Gemeindereferentin der katholischen Kirchengemeinde St. Cyriakus in der Weststadt. Angesichts der Trauer wird sie, die so lebendig erzählen kann, leise. „Das habe ich gelernt“, sagt sie. Trotz aller Professionalität stößt sie manchmal an Grenzen. „Dann, wenn es um Kinder geht.“ Sie hat auch die Familie des neunjährigen Jungen, der im Stadtbad ertrunken ist, betreut, und ihr sind die Tränen gekommen, als klar war, dass er gestorben ist. Wenn sie abends über die Dörfer nach Hause fährt, gewinnt sie Abstand, überdenkt den Tag, hinterfragt, ob sie alles richtig und zum Wohl der Menschen gemacht hat.
Deshalb sei sie „ausgezogen in diesen Beruf“, sie wollte mit Menschen zu tun haben. Tagein tagaus an einem Schreibtisch hinter verschlossener Bürotür zu sitzen, das wäre überhaupt nichts für sie. Das Handy ist ihr ständiger Begleiter, immer empfangsbereit. Sie hat auch schon einmal den vollen Einkaufswagen im Supermarkt stehenlassen, weil ein Notruf kam. Petra Horaiske ist eine von vier Notfallseelsorgerinnen, aber für Frauen mit noch kleinen Kindern sei diese Aufgabe nichts. Denn wer könne schon von eben auf jetzt einen Babysitter organisieren? Von den insgesamt rund 1000 Einsätzen der ehrenamtlichen Notfallseelsorger macht sie an die 300. Ein volles Programm, nicht alle in ihrer Nähe hatten dafür Verständnis, der Bekanntenkreis ist klein geworden.
Notfallseelsorgerin zu sein, ist oft todtraurig, aber helfen zu können, gibt dieser Tätigkeit ihren Sinn. Ein einschneidendes Erlebnis brachte sie auf den Weg dahin. Auf Pellworm, im Herbsturlaub mit der Familie, wurde sie Zeugin eines Unfalls mit tödlichem Ausgang. Ein Kind fuhr auf dem Rad den Eltern vorweg, wurde von einem Auto erfasst. Den ganzen Tag habe sie mit den Angehörigen zugebracht. „Und erst später in der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich damals aus dem Gefühl heraus ganz viel richtig gemacht habe.“
Im Umgang mit Trauernden, mit Menschen, die unter Schock stehen, muss jede Äußerung durchdacht sein. Menschen in Ausnahmesituationen seien sehr feinfühlig, hören jedes Wort ganz genau, auch wenn es gar nicht den Anschein hat. Sätze des Dankes seien selten, aber oft spüre sie, dass es den Menschen besser geht, wenn sie da ist. Sie erklärt, wer im Zimmer ist, bereitet Familien darauf vor, dass vielleicht ein Kripobeamter kommt, um Fragen zu stellen, holt ein Glas Wasser, wenn sie merkt, dass ihr Gegenüber einen trockenen Mund hat.
Manchmal gelinge es bereits in diesen ersten Stunden nach einer Todesnachricht, kleine Steinchen des Trauerberges abzutragen. „Indem ich den Menschen einen Überblick verschaffe, sie auf die ersten Schritte, die jetzt kommen, vorbereite“, sagt sie. Das Jahr, das dann folgt, wird für die Angehörigen schwer genug. „Jeder Tag in diesem Jahr wird ihnen bewusst machen, dass der geliebte Mensch nicht mehr da ist.“ Deshalb sei das Abschiednehmen so wichtig, die Menschen müssen den Tod begreifen, müssen sehen, dass der Angehörige wirklich tot ist und nicht wiederkommen wird.
Den Schmerz des Verlusts kennt sie. Ihr erstes Kind hat sie nach einer Fehlgeburt verloren. „Damals habe ich an meinem Glauben gezweifelt“, gibt sie zu. Ihre Mutter sei früh gestorben und sie habe lange gebraucht, sich damit abzufinden. „Aber ich bin ein fröhlicher Mensch, ich habe eine positive Grundeinstellung, sonst könnte ich das nicht machen“, sagt sie. Der Glauben gibt ihr Kraft, sie hat ihre persönliche Haltung zum Tod entwickelt. „Dahinter steht ein Sinn, auch wenn wir zu verzweifeln drohen“, ist sie überzeugt. Sie glaubt an die Auferstehung.
Aber das ist ihre Lebenshaltung, als „Feuerwehrfrau“ kommt sie in roter Einsatzjacke mit Reflektorstreifen, ist da für alle und jeden – unabhängig von Glauben oder Religion. Das Wort „Notfallseelsorge“ vermeide sie deshalb lieber. Auf die Uniformjacke ist in jedem Fall Verlass. In männergeprägten Familien wäre es manchmal schwieriger, sich als Frau durchzusetzen. „Aber die Feuerwehrjacke mit dem Emblem gleicht das wieder aus und macht es einfacher, sich Respekt zu verschaffen“, sagt Petra Horaiske und lacht.
Dem Tod setzt sie das Leben entgegen. „Die Welt ist groß, bunt und vielfältig. Ich möchte immer etwas Neues sehen und anfangen. Ich mag Trubel.“ Träume schiebt sie möglichst nicht auf, weil sonst vielleicht keine Zeit mehr für sie bleibt. Der eine Traum, den sie sich in diesem Jahr erfüllt hat, war die New-York-Reise, der andere ist ein Mambo-Tanzkursus.
Schon als Jugendliche hat sie sich für die katholische Kirche entschieden. Trotz Theologie-Vollstudiums könnte sie nicht Pfarrerin werden. In der katholischen Kirche ist das für eine Frau nicht möglich, aber ehrgeizig und zielstrebig ist Horaiske trotzdem. 2004 hat sie auf ihr Studium eine Ausbildung als Notfallseelsorgerin aufgesattelt, ab 2006 drei Jahre lang Coaching und Supervision studiert.
Das „Familienprogramm“ hatte sie da schon hinter sich, denn geheiratet hat sie gleich nach dem Abitur. Die beiden Söhne, mittlerweile 24 und 26 Jahre alt, sind erwachsen, demnächst wird Petra Horaiske zum ersten Mal Großmutter. Ein Gedanke, an den sie sich erst gewöhnen muss. Aber sie mag ja Trubel, ist neugierig auf das Neue. Davon wird sie bald ganz viel haben.
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