Anzeige

„Ich war am Ende völlig mit den Nerven runter“

Sozialtherapeutin Nina Oehlschlägel hilft Eltern mit Schreibabys – Mobile Ambulanz zeigt Wege aus der Stressspirale herauszukommen.

Von Birgit Leute, 08.02.2012

Braunschweig. Irgendwann kurz nach der Geburt fing es an: Marie* schrie – fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde. Bis zur Erschöpfung. „Ich war am Ende völlig mit den Nerven runter“, erinnert sich die Mutter des drei Monate alten Winzlings. Eine Schrei-baby-Beratung half ihr aus der Stressspirale herauszukommen.

Marion Weber* weiß inzwischen, dass es einen Grund hat, wenn Neugeborene bis zur Erschöpfung weinen, doch in ihrem Fall spricht sie nicht gern darüber. „Es hat familiäre Ursachen“, deutet die 41-Jährige nur an, verrät dann aber im Gespräch doch ein bisschen mehr.
„Eigentlich begann es damit, dass ich Marie zu Hause bekommen habe und meine Verwandten kein Verständnis dafür hatten“, sagt sie. Die ersten Tage nach der Geburt – „im Prinzip die schönsten, die es gibt“, ist Weber überzeugt, seien belastet gewesen von Vorwürfen. „Ich sei verantwortungslos, hieß es, hätte mit dem Leben des Kindes gespielt.“ Die Tochter reagierte auf den Stress der Mutter – mit heftigen Blähungen. „Sie krümmte sich, schrie und nichts half – weder Wiegen, noch Spazierengehen“, erinnert sich Weber. Die Hebamme riet ihr zu einem Tragetuch – und es gab wieder Vorwürfe: „Du verhätschelst das Kind zu sehr, du must mit ihm an frische Luft, du musst sie hinlegen, wenn sie noch wach ist und einschlafen lassen.“ Weber, für die Marie das erste Kind ist, zuckt die Schulter. „Ich wusste schließlich nicht mehr, was richtig, was falsch war. Ich hörte immer nur diese Horrorvisionen und die für mich viel zu preußischen Erziehungstipps.“
Kurz vor Weihnachten holte sie sich Hilfe – bei einer mobilen Schreiambulanz. Sozialtherapeutin Nina Oehlschlägel, seit drei Monaten auf diesem Gebiet unterwegs, erklärt, worum es dabei geht: „Die Schreiambulanz ist ein Teil der sogenannten Emotionellen Ersten Hilfe. Die Beraterin sucht die Familien zu Hause auf, erforscht die Hintergründe der Schreiattacken und hilft Eltern emotional und praktisch, einen Weg aus der Krise zu finden.“
Manchmal braucht es ein Treffen, manchmal fünf. Bei Marion Weber reichte schon eine einzige „Sitzung“. „Ich lernte, mich durch Tiefenatmung zu entspannen. Bei Schreiattacken nicht mehr hilflos mit dem Kind herumzulaufen, sondern mich still mit ihm hinzusetzen und abzuwarten“, erinnert sie sich. Das half: Marie ist ein ruhiges, zufriedenes Kind geworden.
„Kinder spüren die Sicherheit und Ruhe, die ihnen sagt: Was immer du hast, es ist nicht schlimm, ich bin da“, erklärt Oehlschlägel. Sie rät Eltern „auf ihr Herz zu hören, nicht auf die Tipps der Anderen.“ „Schreibabys spiegeln die Unsicherheit der Eltern wider, die heute mehr denn je mit guten Ratschlägen überschüttet werden. Aber sie reflektieren noch viele andere Dinge, die während der Schwangerschaft oder der Geburt problematisch waren: zum Beispiel Wehen, die über 20 Stunden gingen, eine zu frühe Geburt, ein Aufenthalt auf der Intensivstation“, erläutert Oehlschlägel. Die Schreiambulanz stelle vor allem den verlorenen Kontakt zwischen Eltern und Kindern wieder her.
Marion Weber ist froh: „Endlich traue ich mir wieder zu, auf meine innere Stimme zu hören und meinen eigenen Weg in der Erziehung zu gehen.“ Informationen unter www.huckepack.me.
*Namen von der Redaktion geändert.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.