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„Ich fordere eine Revolution der Zärtlichkeit!“

Konstantin Wecker kommt mit seiner aktuellen Platte „Ohne Warum“ im Gepäck nach Braunschweig Foto: Thomas Karsten

Konstantin Wecker ist Samstagabend um 20 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters zu erleben – Restkarten sind an der Abendkasse erhältlich.

Braunschweig, 30.09.2016.

Samstagabend (20 Uhr) ist der Musiker, Liedermacher, Komponist, Schauspieler und Autor Konstantin Wecker mit seinem Programm zum aktuellen Album „Ohne Warum“ im Großen Haus des Staatstheaters zu erleben. Mit André Pause hat er vorab unter anderem über sein neues Album, die Notwendigkeit von Revolution und Reisen in die Toskana gesprochen.

? Herr Wecker, Ihr Name ist für viele eng verknüpft mit dem Begriff Liedermacher. Wer ihr aktuelles Album hört, wird unter Umständen staunen, wie vielseitig das ist. Da ist vom Chanson über „Spoken Word“ zu Pianoklängen bis hin zur Rockmusik einiges dabei. Wie bringen Sie das bei Liveauftritten auf die Bühne?

! Genau in dieser Vielschichtigkeit. Die musikalische Vielgestalt ist ja etwas, das ich seit Jahrzehnten deswegen habe, weil ich mich auf meine Texte einstelle. Ich werde oft gefragt: Kommt zuerst die Musik? Nein, die kommt nicht zuerst. Ich vertone meine eigenen Texte. Da gibt es natürlich Unterschiede. Manchmal funktioniert ein Text gar nicht anders, als dass man ihn im Brecht/Weilschen Sinne vertont. Beim nächsten geht es nur, wenn man eine rockige Nummer daraus macht. Der Text schreit nach seiner Vertonung, und ich habe zum Glück Musiker auf der Bühne, die das in der Vielschichtigkeit mittragen können.

? Wie sieht das aus? Wer ist dabei?

! Ich habe zum Beispiel eine wunderbare Cellistin mit dabei, die auch einen knackigen E-Bass spielt, mein Keyboarder spielt auch Trompete und Gitarre. Wir können sehr kammermusikalisch oder chansonartig sein, können aber auch richtig loslegen. Von den Duetten mache ich einiges solo, oder unsere Cellistin, die Fany, singt mit.

? Ihr aktuelles Album trägt den Titel „Ohne Warum“. Können Sie kurz erklären, was sich dahinter verbirgt?

! Es geht ganz eindeutig zurück auf ein Gedicht von Angelus Silesius, einen Dichter des Barock, den ich schon als junger Mann sehr verehrt habe. Die Lyrik des Barock hat mich überhaupt sehr fasziniert. Silesius war ein Mystiker und er sagt in einem wunderschönen Gedicht: „Die Ros‘ ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet / Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.“ Das sagt eigentlich alles aus. Dieses Ohne Warum bezieht sich letztlich auch auf Meister Eckhart, auf die christliche Mystik. Auf der Bühne sage ich manchmal etwas flapsig: In die heutige Sprache übersetzt würde das heißen, dass die Rose auch dann blüht, wenn man ihr vorher keine 20 Euro gegeben hat.

? Das sollten Sie erklären ...

! In einer Gesellschaft wie der unseren, die ausschließlich auf ihren finanziellen Nutzen, und auf ihre finanzielle Vernutzbarkeit des ganzen menschlichen Wesens ausgerichtet ist, die der Herrschaft des Marktes dient, ist es schön, sich wieder darauf rückzubesinnen, dass man ohne Warum sein kann, ohne diesen Nutzen einfach da sein darf. Als sehr junger Mann habe ich ein Lied geschrieben, das heißt „Ich singe, weil ich ein Lied hab“. Da war ich 19 Jahre alt, das war eines meiner ersten Lieder. Und ich finde, da schließt sich jetzt für mich ein Kreis.

? In „Revolution“, einem neuen Song, skizzieren Sie, wie den Menschen das Recht auf Mitsprache genommen wird. Da ist die Rede vom korrupten System. Aus ihrer Sicht: Was kann, sollte oder muss der Mensch heute tun, um Revolution zu machen?

! Ich fordere eine Revolution der Zärtlichkeit – und der Vernunft. Beides ist wieder notwendig, weil wir in einer sehr kalten Gesellschaft leben. Wir dürfen uns die Empathie, die wir vor einem Jahr im Zuge der Flüchtlingskrise gesehen und erlebt haben, nicht nehmen lassen. Seit Monaten aber sind gewissenlose Kräfte dabei, genau das zu tun. Das war doch wunderschön, wie sehr viele Menschen – ich habe nicht gedacht, dass das in unserer Gesellschaft überhaupt noch möglich ist – zu Bahnhöfen gerannt sind , wie sie bis heute in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Warum gefällt bestimmten Kreisen diese Empathie nicht? Ganz einfach: Es könnte zu Solidarität führen. Und Solidarität ist etwas, was ein Finanzkapitalismus, der hemmungslos geworden ist – da stimmen mir sogar politische Gegner zu –, nicht brauchen kann. Dabei könnte Solidarität dabei helfen, uns drauf zu besinnen, dass es gar nicht so wichtig ist, den anderen auszustechen, um noch mehr Geld zu verdienen.

? Ist die Musik oder die Kultur denn im Allgemeinen so machtvoll, dass sie nachhaltig Veränderungen bewirken kann?

! Das ist doch das Einzige, was Kunst vermag: Mut machen. Ich habe, glaube ich, schon sehr viel bewirken können. Mir schreiben immer wieder Menschen, ich hätte, als sie jung waren, doch sehr viel in ihrem politischen Denken bewegt, ihnen einen Wegweiser gegeben.

? Wenn Sie Feedback erhalten: Inwiefern und in welcher Form fließt das in Ihre Arbeit ein? Hat sich Ihre Arbeitsweise durch Neue Medien und Netzwerke verändert?

! Es ist schon was anderes. Bei Liedtexten und Gedichten muss ich allerdings immer noch auf die Eingebung warten. Es ist nach wie vor so – seit 50 Jahren fast. Ich muss warten, bis sie mir passieren. Ich kann viel Prosa schreiben, ganze Bücher – aber Gedichte kann ich mir nicht ausdenken. Entweder sie kommen oder sie kommen nicht. Leider kommen seit „Ohne Warum“ vor anderthalb Jahren keine mehr, sehr traurig (lacht).

? Es gibt also kein Patentrezept?

! Wenn es ein Rezept gäbe, hätte ich es schon vor Jahrzehnten herausgefunden. Es gibt keines. Aber es kann natürlich jederzeit etwas passieren. Bei mir ist das oft in Italien der Fall, wenn ich in der Toskana bin, weil da sehr viel Stress von mir abfällt. Aber es kann genauso gut hier geschehen, wenn ich zwei drei Tage mehr oder weniger aus der Welt bin. Dann funktioniere ich noch, kann noch mit anderen Leuten reden, aber ich bin geistig ganz woanders. Ein sehr schöner Zustand übrigens, den ich mir sehr ersehne.

? Und deshalb reisen Sie nun so oft es geht nach Italien?

! Drei- bis viermal im Jahr versuche ich, längere Zeit vor Ort zu sein. Früher, als die Kinder klein waren, waren wir immer in den Ferien dort. Jetzt wollen sie nicht mehr unbedingt in die Einsamkeit der Toskana.

? Nun, in Florenz beispielsweise ist es ja nicht ganz so einsam.

! Florenz ist nicht weit weg – aber schwierig, weil es so wahnsinnig überfüllt ist. Eine unglaublich schöne Stadt, aber man muss Florentiner sein, um zu wissen, wo es noch ein paar Ecken gibt, wo man dem Tourismus entfliehen kann.

? In die Uffizien kommt man so ohne weiteres ja gar nicht mehr hinein.

! Nein, selbst im Winter nicht. Das ist ja das Unglaubliche. Vor zwei Jahren wollte ich im Winter rein, aber selbst da hätte ich Karten im Internet vorbestellen müssen.

? Die Karten für Ihr Konzert in Braunschweig müssen wahrschein nicht vorbestellt werden. Gibt es noch welche?

! Ich glaube es gibt noch welche. Wie heißt es doch immer so schön: Restkarten sind an der Abendkasse erhältlich.
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