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Hoffentlich schneit bald jemand bei Flocke vorbei

Tierheimleiterin Verena Geißler ist die Fachfrau für schwere Fälle, vielleicht mag sie deshalb Terrierhündin Flocke so gern…

Hunde werden in der Ferienzeit so gut wie gar nicht mehr ausgesetzt, Katzen schon – Schwere Fälle sind im Tierheim an der Tagesordnung.

Von Marion Korth, 27.07.2017.

Braunschweig. Wegen Überfüllung geschlossen – nicht in diesem Sommer! „Es tut gut, einmal eine Atempause zu haben“, sagt Verena Geißler, sie leitet das Braunschweiger Tierheim am Biberweg. Fundtiere gibt es in der Ferienzeit trotzdem genug.

Erst vor wenigen Tagen kamen zwei neue Pfleglinge: Ein Kater und eine Katze, in der Transportbox auf dem Metroparkplatz zwischen den Autos abgestellt. „Damit sie auch ja jemand findet“, sagt Verena Geißler. Jetzt sitzen die beiden in einem Gitterabteil, aus der Quarantänestation dürfen sie erst umziehen, wenn ihr Gesundheitsstatus gecheckt ist. Die beiden schauen verstört, die Katze kriecht in die Ecke, sucht Schutz hinter dem Kater. Oder die Häsin, die allein zwischen Hochhäusern hoppelte und eingefangen werden konnte.

Über die Motive der einstigen Halter kann Verena Geißler nur spekulieren, die anstehende Ferienreise, ein Umzug, Jobverlust. Hinter jedem Tierschicksal steht ein Menschenschicksal, aber dafür können die Tiere nichts. Es wird schwer werden, für die zierliche Terrierhündin Flocke eine neue Familie zu finden. „Sie ist als gefährlich eingestuft worden, weil sie einen Passanten gebissen hat“, erläutert Verena Geißler. Bösartig ist Flocke nicht, aber ängstlich. Ihr früheres Herrchen hatte Alkoholprobleme, jetzt ist sie im Tierheim.

Der Tiermarkt auf den verschiedenen Internetportalen boomt, dort werden Tiere gehandelt wie Äpfel. „Es muss immer exotischer sein“, sagt Verena Geißler. Vielen sei jedoch nicht klar, wie kompliziert die Haltung von Bartagamen oder auch Schlangen ist. „Reptilien leiden stumm“, sagt Verena Geißler. Die Erdnatter zum Beispiel wurde aus einem dunklen Keller befreit, die Geckos hingen im Winter in einer Plastiktüte am Zaun. Derzeit ist nur ein einziges Terrarium im Tierheim frei.
Aber das Internet hat auch viele gute Seiten, allein die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden, die eine Tierpflegevertretung in der Urlaubszeit übernehmen, sei eine tolle Sache, sagt Verena Geißler. Auch das Tierheim selbst nimmt Hunde, Katzen oder Kaninchen in Pension – für acht Euro am Tag die Katze, den kleinen Hund für neun, den mittelgroßen für zehn, die XXL-Dogge für 13 Euro. Nicht viel für jemanden, der sich eine Urlaubsreise leisten kann. „Wir haben die Preise bewusst so kalkuliert, jeder soll sich das leisten können“, sagt Verena Geißler. Wichtig ist nur, dass ein Pensionsplatz für die Sommerferien ein halbes Jahr im Voraus reserviert wird, die Nachfrage ist nämlich groß.

Hunde würden mittlerweile kaum noch ausgesetzt, vielleicht eine Folge der Chippflicht, die in Niedersachsen seit 2011 gilt. In Braunschweig müssten von Amts wegen auch Katzen, die Freilauf haben, einen Chip tragen, aber die Praxis sieht anders aus. „Das wird nicht so eng gesehen.“ Keine der aufgefundenen Katzen hatte einen. Größere Sorgen macht den Tierschützern allerdings das sogenannte „Animal Hording“. Diese Form der falsch verstandenen Tierliebe hatte letztendlich den Anstoß für den Bau des neuen Katzenhauses gegeben. „Im Dezember 2015 holten wir 30 Katzen aus einer Zwei-Zimmer-Wohnung, im August 2016 waren es 44 Katzen – auch in einer Zwei-Zimmer-Wohnung“, erinnert sich Verena Geißler. Praktisch über Nacht wurde jedes verfügbare Plätzchen mit Katzen belegt, nichts ging mehr. „Auf solche Fälle sind wir jetzt besser vorbereitet“, sagt die Tierheimleiterin und zeigt das große Zimmer, dass Batman (unser aktuelles Tier der Woche, NB vom 15. Juli) mit einigen wenigen Artgenossen teilt.

Immer öfter sind Krankheit oder Tod Gründe, warum Tiere abgegeben werden. „Diese Tiere sind selbst auch oft krank und alt, für sie bricht eine Welt zusammen“, sagte Verena Geißler. Sie und ihr Team hoffen dann immer, dass sie schnell einen ruhigen Haushalt mit geduldigen Menschen und gemütlichem Sofa finden. Alt und krank, das lässt sich toppen mit groß und schwarz – ein Hund, auf den diese Beschreibung zutrifft, hat so gut wie keine Chance auf eine zweite Chance. „Eine Französische Bulldogge vermitteln wir dagegen sofort, egal, ob sie krank ist“, sagt Verena Geißler. „Die Menschen gehen zu sehr nach der Optik.“ Der Fehler sei damit schon mit der Anschaffung vorprogrammiert. Schokoladenfarbige Labradore waren mal sehr angesagt, aber Labradore sind – egal ob schokobraun oder nicht – große Hunde. „Und große Hunde müssen erzogen werden“, betont Geißler. Sie kennt nämlich das Ende des Liedes – große Hunde, die ihre Grenzen nicht kennen, und bei ihr im Tierheim sitzen.
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